"Auch Chile hat seinen 11. September", schrieb der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman kurz nach den Anschlägen in New York und Washington. Obwohl nur sehr begrenzt miteinander vergleichbar, markiert das Datum doch eine bittere Zäsur in der Geschichte der Andenrepublik. An jenem Tag des Jahres 1973, auch ein Donnerstag, bombardierte die Luftwaffe den Präsidentenpalast in Santiago, in dem sich Salvador Allende, das demokratisch gewählte Oberhaupt des Landes, mit wenigen Getreuen verschanzt hatte. Die Bomben und die blutige Terrorwelle, die das Land danach überrollte, beendeten den weltweit beachteten Versuch, Sozialismus und Demokratie miteinander in Einklang zu bringen. Obwohl es sich bei den Putschisten und ihren politischen Claqueuren um Chilenen handelte, hatten, wie jedermann wusste, nordamerikanische Kreise aus Politik, CIA und Big Business ihre Hände mit im Spiel.

Einer, der an diesem 11. September 1973 vor dem Amtssitz Allendes stand und die Bomben fallen sah, war der Deutsche Peter Oberbeck. Er war kein unbeteiligter Zuschauer: Schon einige Jahre im Lande, gehörte der Kameramann und Dokumentarfilmer aus Mannheim, der zuvor in Brasilien gelebt hatte, zu den Anhängern Allendes und geriet damit nach dem Coup d’Etat der Generäle selber in Lebensgefahr. Zusammen mit seiner Gefährtin Ruth, einer Jüdin aus der Tschechoslowakei, die als Kind vor den Nazis nach Chile geflüchtet war, beschloss er zu bleiben. Fortan führten beide, in ständiger Angst vor den Schergen Pinochets, eine halbklandestines Leben, beteiligten sich an kleineren, aber risikoreichen Widerstandsaktionen und wurden Zeugen des alltäglichen Terrors: "Am Morgen beim Brötchenkaufen sah ich gegenüber der Bäckerei einen toten Mann im Rinnstein liegen. Niemand kümmerte sich um ihn. Alle hatten Angst." Tatsächlich zögerte Pinochet nicht, sein öffentlich geäußertes Credo, Demokratien müssten von Zeit zu Zeit in Blut gebadet werden, in die Tat umzusetzen: "In der Morgendämmerung trieben in den Wassern des Mapocho die Leichen derjenigen, die während der Nacht erschossen worden waren."

Es sind – neben interessanten Einblicken in die Regierungsjahre von Allende – bedrückende Szenen der zitierten Art, die das Buch, in sparsamer, schnörkelloser Prosa verfasst, zu einem Augenzeugenbericht machen, der unter die Haut geht. Chile im Jahr eins der Diktatur: Noch heute erzeugen die Beschreibungen der ersten Terrormonate beklemmende Gefühle. Durchaus vergleichbar mit dem Abenteuer des Miguel Littin, jenes chilenischen Filmemachers, der – in García Márquez gleichnamiger Reportage porträtiert – das Chile Pinochets illegal erkundete und dabei, wie Overbeck, Kopf und Kragen riskierte. Glücklicherweise kamen beide mit heiler Haut davon. Nach rund einem Jahr, Overbeck und seine Gefährtin befanden sich bereits in höchster Gefahr, gelang ihnen, übrigens mit Unterstützung des deutschen Bischofs Helmut Frenz, die Flucht nach Deutschland. Nach Chile sind sie erst zwanzig Jahre später wieder zurückgekehrt, das letzte Mal 2008.

Peter Overbecks Bilanz der zurückliegenden Jahrzehnte fällt, trotz der glitzernden Kaufburgen in der City von Santiago und einer Präsidentin, die einst zu den Opfern der Diktatur gehörte, ziemlich nüchtern aus. Dennoch steht am Ende seines Buches ein Zitat aus Allendes letzter Rede, die von den Bomben abrupt beendet wurde: "Ihr sollt wissen, dass eher früher als später freie Menschen auf breiten Straßen marschieren werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen." Norbert Rehrmann

Peter Overbeck: Santiago: 11. September

Erinnerungen an Chile; Edition Nautilus, Hamburg 2008; 255 S., 19,90 €

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