Amerika hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass es sich bei seiner Jagd nach Terroristen von niemandem aufhalten lassen will – nicht von Feinden, nicht von Freunden und auch nicht von Verbündeten. "Tot oder lebendig" wolle er Osama bin Laden haben, sagte George W. Bush nach den Attentaten vom 11. September 2001. Nach Angaben der New York Times hat er die Order gegeben, dass US-Soldaten auf pakistanisches Staatsgebiet vordringen können, ohne die Pakistaner um Erlaubnis zu fragen. Genau das ist am 7. September geschehen. Ein Spezialkommando drang in ein Grenzdorf ein. Es kam zu einer Schießerei. Zwanzig Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Es war eine Kriegshandlung auf dem Gebiet eines souveränen Staates, der noch dazu zu den engsten Verbündeten der USA im Kampf gegen den Terror gehört. Das ist ein Tabubruch.

Überraschend kam er nicht. Die USA haben sich schon seit einiger Zeit darüber beklagt, dass die pakistanische Regierung nicht mit genügend Verve gegen Extremisten in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan vorgehe. Die Pakistaner reagierten sehr empfindlich auf diese Kritik. Immerhin hatten sie teilweise bis zu 70.000 Soldaten in die Stammesgebiete geschickt, und rund tausend von ihnen sind im Kampf gefallen. Doch es bleibt dabei: Die Taliban und al-Qaida können die Stammesgebiete als Ruheraum und Rückzugsgebiet weiter nutzen. Aus diesem relativ sicheren Hinterland stoßen sie zunehmend erfolgreich nach Afghanistan vor. Militärisch ist es daher wohl folgerichtig, den Taliban diese Möglichkeit nehmen zu wollen. Doch die Risiken sind gewaltig.

Pakistan selbst. Das Land befindet sich in einer Phase des schwierigen Übergangs. Die Militärdiktatur des Generals Pervez Musharraf ist zu Ende gegangen, das neue System aber ist noch nicht in Sicht. In dieser prekären Lage kann Pakistan alles andere brauchen als einen fremden Vorstoß auf das eigene Staatsgebiet. Das Vordringen der US-Soldaten ist vor allem für die pakistanische Armee eine gefährliche Provokation. Sie ist ohnehin angeschlagen. Mit ihrem General Pervez Musharraf als Präsidenten war sie fast neun Jahre lang an der Macht. Dabei ist ihr Image schwer beschädigt worden. Galt die Armee unter den Pakistanern lange als die einzige saubere, funktionierende Institution, so steht sie heute in dem Ruf, genauso korrupt zu sein wie die politischen Parteien. Darum hat der neue Generalstabschef Ashfaq Kayani seinen Offizieren den Umgang mit den Politikern regelrecht verboten. Die Armee soll Armee sein und nichts anderes.

Da ist zunächst einmal

Aber was ist, wenn sich jetzt herausstellt, dass diese Armee nicht einmal in der Lage ist, die eigenen Grenzen zu verteidigen? Was ist, wenn Offiziere nicht nur korrupt sind, sondern nicht einmal die eigenen Bürger vor den Angriffen ausländischer Soldaten schützen können? Das würde ihr den letzten Rest Glaubwürdigkeit rauben. Bevor das geschieht, könnte sie in der Tat reagieren. Wie? Indem sie zurückschießt oder von anderen zurückschießen lässt. Vor wenigen Tagen ist berichtet worden, dass pakistanische Soldaten auf zwei US-Hubschrauber geschossen hätten, die über die Grenze geflogen waren. Die Meldung wurde von pakistanischen und amerikanische Stellen schnell dementiert. Doch Pakistans Premier Yusuf Gilani machte klar, dass "wir die territoriale Integrität unseres Landes mit allen Mitteln schützen werden". Es ist zwar sehr unwahrscheinlich, dass es zu einem Krieg zwischen den USA und Pakistan kommt, doch sicher ist, dass Pakistan auf Grenzverletzungen reagieren wird. Wahrscheinlich wird das in gewohnter Manier geschehen: Pakistan wird seine Stellvertreter in Afghanistan aufrüsten. Das sind nun einmal die paschtunischen Taliban. Dies wiederum wird zu einer stärkeren Destabilisierung Afghanistans führen. Die Spirale des Krieges wird sich also weiterdrehen.

Die Risiken der amerikanischen Vorstöße nach Pakistan sind für den Westen insgesamt erheblich. Immerhin kommen die Spezialkommandos aus Afghanistan, einem Land, das von der Nato zumindest mitbeherrscht wird. Tatsächlich hat sich die Nato beeilt, zu erklären, dass sie mit den Aktionen der USA nichts zu tun habe, doch das wird in Pakistan kaum wahrgenommen. Der Unterschied zwischen Nato und US-Armee ist aus der Sicht vieler Pakistaner verwischt. Es sind westliche Truppen, die in Pakistan eindringen. Der Westen greift an – das ist die Meinung, die sich durchsetzen könnte. Extremistische Parteien werden sie zu nutzen wissen. Die Differenz etwa zwischen USA und Europa, der Unterschied zwischen Kampf und Krieg gegen den Terror geht verloren. Das ist für alle Staaten, die sich um den Wiederaufbau in Afghanistan bemühen, äußerst problematisch – Deutschland mit eingeschlossen. Zum einen hat man den Afghanistaneinsatz bei der eigenen Bevölkerung auch mit einer Differenz zu dem Vorgehen der USA legitimiert. Zum anderen lässt eine Ausweitung des Krieges nach Pakistan den Friedensbringer als Kriegstreiber erscheinen. Mit anderen Worten: Die innere wie die äußere Legitimation beginnen zu bröckeln.