Das Problem der Russen ist der Westen. Den Osten, Sibirien, hat man erobert, vom Westen will man Anerkennung, die man freilich nur selten bekommt. Neben den zuletzt wieder viel diskutierten Unterschieden der kulturellen Mentalitäten dürfte für die notorischen Dissense und Missverständnisse zwischen Ost und West der Typus imperialer Ordnung eine Rolle spielen, wie ihn die Russen während der letzten drei Jahrhunderte entwickelt haben. Während in West- und Mitteleuropa ein Staatensystem entstand, dessen Grundprinzip die wechselseitige Anerkennung als Gleiche ist, entwickelte sich im Osten eine Machtagglomeration, die keinen Gleichen neben sich anerkannte.

Nicht von ungefähr haben die Russen sich mit den Mächten, die zeitweilig selbst Ambitionen auf die Errichtung eines Landimperiums hatten, am ehesten verstanden – um dann mit ihnen in einen Kampf auf Leben und Tod einzutreten, von Napoleon über WilhelmII. bis zu Hitler. Für Westeuropa blieben solche imperialen Projekte freilich eher die Ausnahme bzw. hier entstanden Kolonialreiche, die keine territoriale Verbindung zum Zentrum hatten. Hier dominierten die Prinzipien von Territorialstaatlichkeit und nationaler Identität. Im Osten dagegen entwickelte sich eine großräumliche multiethnische Ordnung, die mitunter durchaus tolerant sein konnte, dann aber wieder mit brutaler Härte vorging. Bis 1918 waren die Donaumonarchie und ein wenig auch das Deutsche Reich Brücken- und Verbindungsglieder zwischen West und Ost.

Der Westen steht aber nicht nur für die zivilisatorisch fortgeschrittenen, politisch eher kleinräumigen Strukturen Mittel- und Westeuropas, sondern auch für ein alternatives Modell imperialer Ordnung: das der Seeimperien. In der imperialen Ordnung Russlands, zunächst der zaristischen, später der kommunistischen, hat nach den Worten des englischen Historikers Geoffrey Hosking das Imperium die Nation verschluckt. Ob dies eine alternativlose Entwicklung war, weil man durch die angrenzenden Steppen Asiens geopolitisch dazu gezwungen war, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls trat das zaristische Reich seit dem 18. Jahrhundert in die Fußstapfen der mongolischen Steppenimperien. Bereits in der Entstehungsphase dieses russischen Großreichs stellte das seegestützte britische Empire eine Alternative dar.

Das britische Empire war vor allem auf zum Landimperium konträren politischen Ordnungsprinzipien aufgebaut. Verglichen mit der britischen Parlamentsherrschaft sah die Autokratie der russischen Zaren rückständig aus, und das britische Rechtswesen stellte die russische Ordnung weit in den Schatten. Mit der Industrialisierung kam eine wirtschaftliche und technologische Dynamik hinzu, bei der sich die Russen abermals im Nachtrab befanden. Auch als die USA die Rolle des westlichen Seeimperiums übernahmen, blieb dieser Gegensatz bestehen. Die ressentimentbehaftete Mentalität der russischen Politik ist – auch – eine Folge der geopolitischen Lage Russlands.

Seeimperien sind nicht grundsätzlich friedlicher als Landimperien, aber sie machen von militärischer Gewalt einen anderen, stärker kalkulierten Gebrauch. Sie unterwerfen nicht, sondern locken mit einer Kombination aus wirtschaftlichen Anreizen und militärischen Sanktionen. Außerdem können sie sich ohne größeren Gesichtsverlust wieder zurückziehen, während es bei Landimperien immer gleich ums Ganze geht. Die Dominotheorie, der die Amerikaner folgten, als sie in den Vietnamkrieg zogen, war ein Missverständnis; wiewohl Amerika den Krieg schließlich verloren hat, ist das heutige Vietnam in vieler Hinsicht am amerikanischen Vorbild ausgerichtet. Bei Landimperien ist das anders: Hier bringt ein fallender Stein tatsächlich den nächsten zum Kippen – und so weiter. Das ließ sich beim Zerfall der Sowjetunion beobachten. Dementsprechend entschieden muss der erste Stein am Kippen gehindert werden. Die immer wieder zu beobachtende Brutalität, mit der Russland an seinen Rändern agiert, lässt sich zum Teil zumindest geopolitisch erklären.

Seeimperien haben aufgrund ihres breiteren Portfolios an verfügbaren Machtsorten – von der technologischen Überlegenheit über den Umstand, dass sie staatenübergreifende Leitwährungen bieten, bis zur Meinungsführerschaft in normativen Fragen – eine größere Flexibilität. Im Vergleich dazu nehmen sich Landimperien notorisch schwerfällig und unbeweglich aus. Als die Briten Ende des 18. Jahrhunderts einen Großteil ihrer Herrschaft über Nordamerika verloren, war das nicht der Anfang ihres Niedergangs, sondern leitete eine Schwerpunktverschiebung in den Nahen Osten und nach Indien ein. Dazu sind Landimperien nicht imstande. Die Bahnen ihrer Expansion sind geografisch vorgezeichnet, und wo sie Peripherien zu verteidigen haben, liegt weniger in ihrer Entscheidung als in der ihrer Gegner. Mit dem Kaukasus etwa schlagen sich die Russen seit dem 19. Jahrhundert herum. Eine Seemacht würde ein auf Dauer mit so hohen Beherrschungskosten verbundenes Gebiet aufgeben und sich selbst überlassen. Eine Landmacht kann das nicht, ohne dass dies weitreichende Folgen für ihre politische Reputation, und das heißt: für ihre Macht, hätte.

Wenn Landimperien an ihren unruhigen Grenzzonen immer wieder die militärische Karte spielen, so ist dies entgegen dem ersten Anschein kein Zeichen von Stärke. Auf Dauer steigen dadurch die Beherrschungskosten des Randes und der Peripherie, und irgendwann macht sich der Unmut darüber im Zentrum bemerkbar. In parlamentarisch-demokratischen Ordnungen, die offensichtlich mit dem Typus des Seeimperiums ohne Weiteres zu verbinden sind, äußert sich das in geändertem Wahlverhalten; in autoritären Regimen, wie sie in Landimperien vorherrschen, endet es zumeist im Staatsbankrott. Die Sowjetunion hat das in Afghanistan erfahren.