Oft sind die Dinge, die man im Leben neu und für sich allein zu entdecken meint, schon vor einem entdeckt und manchmal wieder vergessen worden. So erging es mir mit der amerikanischen Autorin Joan Didion, deren Roman Demokratie ich eines Tages in der Ramschkiste einer Buchhandlung fand. Didion war in Deutschland vergriffen. Ich begann, der vermeintlich vergessenen Autorin nachzuforschen, und stellte fest: Sie war in den USA ein Star. In Deutschland hatten Journalistinnen, Verlegerinnen und einige Literaturredakteure immer wieder versucht sie durchzusetzen, was nie dauerhaft geglückt war.

Die Geschichte der Frauen endet immer nach einer Generation, schrieb Susanne Mayer in ihrem Artikel Unsere Glamourgirls, besonders in Deutschland. Hier gebe es keine die Generationen überstrahlende Frauengestalt, der es gelinge, die Tradition weiblicher Intellektualität im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern. Die bisherige Behandlung Joan Didions gibt Mayer recht; ich musste sie neu entdecken.

Susanne Mayer hegt allerdings den Verdacht, dass jüngere Autorinnen wie ich den Feminismus der Älteren ignorierten und insofern mit Schuld seien an der Unsichtbarkeit deutscher Denkerinnen. Jede Generation junger Frauen würde sich für ihr Selbstbild eine Stunde null erfinden, ignoriere, was war, und denke, "dass das, was man erlebt, allen Gegenbeweisen zum Trotz noch nie zuvor irgendjemand erlebt hat", wie Didion sagen würde. Unsere Sehnsucht nach Rollenvorbildern sei gleichzeitig aber so groß, dass wir sie ins Ausland trügen – zu Didion beispielsweise. Nun. Schön wär’s: Läg’s an mir, wäre über Nacht dieser Missstand behoben.

Betrachtet man die momentan wieder aufflammenden Generationenkonflikte, könnte man in Mayers Beobachtung allerdings ein Zeichen der Normalisierung sehen; auch die auf Nebengleisen geführte Frauendebatte hat ins gesellschaftliche Gleisbett gefunden, auch hier wird wie im Allgemeinen eher in Unkenntnis voneinander übereinander diskutiert als gemeinsam.

Dabei finde ich es mit meinen 34 Jahren, die ich in Didion, einer 74-jährigen Autorin, ein Vorbild und eine Lehrmeisterin gefunden habe, ebenso bedauernswert und sehr bedenklich, im altbewährten "Vaterland" Deutschland noch immer eine patriarchale Gesamtkomposition erkennen zu müssen, über die zu berichten sich sogar die Herald Tribune kürzlich veranlasst sah. Die Ungleichbehandlung von Frauen sei skandalös, ungerechter als Ost- und Westtarife seien Mann- und Frautarife, damit liege Deutschland in Europa auf einem der letzten Plätze, knapp vor Estland, Zypern und der Slowakei.

Eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit scharfsichtigen Denkerinnen stellt sich in einem Land, in dem zwischen sechs Männern in einer Jury wie der zum Deutschen Buchpreis eine Frau sitzt (um nur ein Beispiel aufzugreifen), die zwangsläufig die Quotenfrau geben muss, so schnell nicht ein. Wo jeder Preis, den eine Schriftstellerin gewinnt, jede Professorin noch immer vor allem deshalb aufmerken lässt, weil eine Frau die Hauptrolle spielt und nicht aufgrund dessen, wie sie sie spielt. Wenn man gleichzeitig von Journalisten, die mal wieder Tendenzen der deutschen Literatur mit zu neunzig Prozent männlicher Besetzung präsentieren, im scheinheiligen Retrostil zu hören bekommt, die Quote interessiere sie nicht, sie gingen nur nach Qualität.

Natürlich lässt sich bedauern, dass Didion keine deutsche Autorin ist. Wie schön wäre es, einfach so bei ihr vorbeischauen zu können. Literatur allerdings ist international. Erstaunlicher, als dass hier eine junge Autorin Sehnsüchte ins Ausland schleppt, scheint mir, dass eine Autorin, die im Osten Deutschlands groß geworden ist, sich einer Schriftstellerin verbunden fühlt, die im tiefsten Westen schreibt, dass sich eine Verbindung durch zwei Sprachen, über zwei Kontinente und zwei Gesellschaftsordnungen hinweg herstellt und sich Adam Thirlwells These bestätigt, dass es "keinen Grund gibt, warum eine Amerikanerin einen amerikanischen Roman schreiben sollte, da es ihr genauso schwerfällt, einen deutschen Roman zu schreiben". Und umgekehrt.