Dieses Buch ist ein Einspruch. Es will den Glauben rehabilitieren, der von den Zynikern der Vernunft beschädigt wird, von den Lebensoptimierern und durch eine entgrenzte Wissenschaft, die "den Menschen" und "die Wahrheit" aus dem Blick verloren hat, das Vollkommene über das Gute stellt. Der Kulturjournalist Alexander Kissler macht keinen Hehl aus seinem Wertkonservatismus. Nur der Glaube, schreibt er einführend, könne die Vernunft zu sich selbst befreien.

Kissler sieht in der Gegenwart einen Vernunftterror herrschen: Vernunft sei unvernünftig geworden, ein Dogma, sie stecke in einer vorreformatorischen Krise. Deshalb will er die gefährdete Vernunft vor sich selbst geschützt wissen – ohne freilich erschöpfend zu klären, um welchen Begriff der Vernunft es sich denn handelt und um welchen Glauben.

Ein Gewährsmann des Autors ist der englische Schriftsteller und Essayist Lord Gilbert Keith Chesterton, 1922 vom anglikanischen zum römisch-katholischen Bekenntnis übergetreten, ein Polemiker mit feinem Florett. Streckenweise hat Kisslers Essay den Charakter einer Abrechnung mit Judenverächtern und Glaubenskritikern wie Voltaire, Diderot, Lessing und Reimarus, während er gleichzeitig gegen die Ideologie des Materialismus und die Indifferenz unserer Tage gegenüber den letzten Fragen ficht – eine Weltsicht, die eng an den Leitgedanken von Papst Benedikt XVI. und an der Idee einer Einheit des Glaubens gegen die Diktatur des Relativismus orientiert ist.

Aber stimmt der Befund? Ist die Welt so ethikfrei, wie Kissler sie uns vorstellt? Es lässt sich manches einwenden: dass das Recht, höchstes Exerzitium der Vernunft, einer Gesellschaft besser dient als eine göttlich deduzierte "Moral"; dass die Diskreditierung des Glaubens am ehesten aus seiner Mitte, durch Kreationisten und Apologeten des Intelligent Designs, droht; dass Glaube und Religiosität keineswegs verschwinden, vielmehr, vor allem in Lateinamerika, im Wachsen begriffen sind; dass die ethische Zähmung der freien Forschung wirkmächtiger aus dem Bezirk der Vernunft selbst geschieht als durch den bischöflichen Appell an Selbstbescheidung und Demut.

Ein Essay soll und muss zuspitzen. Kissler hält sich daran, auch wenn Zuspitzung oft der natürliche Feind der Differenzierung ist. Die argumentative Entkräftung gegnerischer Argumente ist nicht sein Geschäft. Der Autor erledigt philosophische Traditionen und ihre Geistesgrößen mit einem selbstsicheren Federstrich. Aber wenn der Glaube nach Kissler eine "Entlastung" im Reich des "nicht Beweisbaren" ist: Wie nun soll, global gesehen, die Synthese von Glaube und Vernunft funktionieren? Wie soll eine tragfähige gemeinsame Grammatik gefunden werden? Lange verschont der Autor den gespannten Leser mit einem konstruktiven, Versöhnung stiftenden Ansatz. Aber eigentlich geht es Kissler um etwas anderes: um die Verdammung der sogenannten Neuen Atheisten und deren Galionsfigur, des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Kissler ist der Anti-Dawkins, der, wo immer möglich, mal trotzig, mal wütend auf die aggressiven Atheisten, die sich jetzt "Neue Humanisten" nennen, eindrischt. Das ist viel Schmalz auf einer dünnen Scheibe Brot.

Aber Alexander Kissler, Jahrgang 1969, bleibt, was er auch als Zeitungsautor ist: eine vernehmbare, unbequeme, manchmal erfrischend unzeitgemäße Stimme, die zum offenen Diskurs herausfordert. Und das ist heutzutage eine Menge.

Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott