Wer wissen will, was "der Islam" bedeutet, wird sich einen Koran kaufen – oder im Internet unter "Islam" oder "Scharia" oder "Muslim" nach einem Portal suchen. Wer im Koran blättert, stockt bald: Was fangen wir mit den nach ihrer Länge sortierten Suren an? Im Internet-Islam gibt es immerhin für alle und alles präzise Vorschriften: "für Kleidung, für Speisen und die richtige Art, einander die Hand zu schütteln. Manche Menschen scheinen Regeln für alles zu kennen."

Hier lächelt der ägyptische Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid im Gespräch mit der deutschen Philosophin Hilal Sezgin. Warum müssen wir solchen Regeln folgen? Weil es im Koran steht? Wenn dieser nun entgegengesetzte Gebote enthält? Da sollte man wissen, welche von ihnen Mohammed im Laufe seiner mehr als zwei Jahrzehnte währenden Rolle als Empfänger göttlicher Botschaften zuletzt erfahren hat: Spätere Suren handeln vom Krieg der jungen, von Mohammed in Medina gegründeten religiösen und politischen Gemeinschaft gegen Andersgläubige und andere Widersacher. Kein Wunder, dass hier Radikale und Hassprediger schnell fündig werden.

Mit der religiösen Botschaft des Propheten aber, mit den in den Suren des heiligen Buches erinnerten und erzählten Gotteserfahrungen hat ein "normativer Islam" nichts zu tun, der sein Gesellschaftsmodell auf den Wortlaut des Korans gründen will. Solcher auf die Urgemeinde von Medina oder das Arabien der ersten Kalifen fixierter Scharia-Islamismus blendet zudem die reiche Tradition der Exegese und Kontroverse aus: Ist etwa Gott – oder "das Göttliche" – eine letzte, all unser beschränktes Wissen übersteigende Allmacht? Oder hat Er alle menschenähnlichen Züge des Richters, Herrschers, des Allerbarmers, ohne die er für Mohammeds Zeitgenossen unvorstellbar geblieben wäre?

Abu Zaid, ein moderner Muslim, folgt dem großen Hermeneutiker aus dem 13. Jahrhundert Ibn Arabi: Gottes Schöpfung ist (wie) ein einziges großes, offenes Zeichensystem. Das gilt auch für die vielfältigen "Diskurse" zwischen dem Propheten und seinem Engel, zwischen Gottes Geboten und seiner Gemeinde. Denn Gott ist weit größer als alles Kleingedruckte der verschiedensten Scharia-Schulen.

Abu Zaid lehrt uns, noch in den Paradoxa des Korans eine vielstimmige Offenbarung zu vernehmen. Natürlich gehen seine Lesehilfen wider den Strich aller Rezeptmeister für brav muslimische Lebensführung mit ihren Checklisten von haram (verboten) und halal (erlaubt). Islamistischen Agitatoren entzieht Abu Zaids historische Kontextualisierung des Korans den Boden; Forderungen nach einer Rückkehr zur rigiden Geschlechtermoral historischer Scharia-Vorschriften werden absurd.

Mit Selbstironie spricht Abu Zaid vom "Sitz im Leben", den der Koran historisch habe. Das ist nicht ohne Bitterkeit gesagt. Denn Abu Zaid und Hilal Sezgin wissen, dass die Wunschbilder einer kämpferischen Identität muslimischer Radikaler oft nur die Kehrseite jener Schreckensbilder "des Islams" sind, wie sie die Islamexperten westlicher Talkshows gern zeichnen.

Nasr Hamid Abu Zaid mit Hilal Sezgin: Mohammed und die Zeichen Gottes