1975: Der Horror im Bahnhofsrestaurant
Der Schriftsteller Günter Herburger war einer der ersten, die Siebeck am liebsten in die Verbannung geschickt hätten:
Einfach Wolfram Siebeck verbieten,
über Essen zu schreiben und ihn
drei Tage mit Heftpflaster über dem Mund
in die Bahnhofsgaststätte von Würzburg setzen,
wo wir mitunter auch schlemmen.

So begann Herburgers Gedicht Zur Verbesserung des Feuilletons, das er im Mai 1975 in Konkret veröffentlichte, der "publizistischen Speerspitze einer seriösen Linken". Herburger hatte sich nicht über einen bestimmten Artikel Wolfram Siebecks geärgert, es ging ihm, wie er heute auf Nachfrage sagt, "ums ganze Establishment". Deshalb hatte er in dem Gedicht auch noch ein paar hämische Ideen für Golo Mann, Bernhard Grzimek, Günter Grass und ein paar andere Nervensägen jener Zeit:
Und dann noch einfach Jesus Christus bitten
er solle Axel Springer und Franz Josef Strauß
wieder mit nach Palästina nehmen,
wo sie glühend von vorn beginnen können,
da Heinrich Böll den Jordan leer trinkt. 

Doch weder Golo Mann noch Heinrich Böll reagierten auf das Gedicht, auch nicht Springer oder Strauß. Wolfram Siebeck schon. Er reiste schnurstracks nach Würzburg. Zeigte dem Kellner der Bahnhofsgaststätte ein Bild Günter Herburgers und fragte, ganz investigativer Journalist: "Kennen Sie diesen Herrn?"
Dass der Kellner auswich, das konnte Siebeck noch goutieren: "Braver Mann, verrät seine Stammgäste nicht!" Ein "Feines Kalbsragout fin im Näpfchen" aber, das er zum Preis von 6,80 DM als Entree bestellte, gefiel ihm überhaupt nicht. "Es wurde mir bereits in weniger als fünf Minuten gebracht, wohingegen ich fast doppelt so lang brauchte, um das zähfasrige Kalbfleisch wieder aus meinen Zähnen zu kriegen." Und die Gulaschsuppe gab ihm den Rest: "Vielleicht hatte sie, da sie braun und breiig in einer Stahltasse schwappte, inspirierende Qualitäten, von denen einer beim Dichten profitiert; vielleicht war sie tatsächlich unendlich viel köstlicher als das, was in Schwabing an gaumenamputierte Kneipenbummler verkauft wird. Ich versagte mir …, von ihr mehr als einen halben Löffel zu probieren."

Die Leser freilich, deren Briefe zu Siebecks Restaurantkritik DIE ZEIT am 20. Juni 1975 veröffentlichte, hatten kaum Verständnis für den heroischen Einsatz des Autors. "Kann es sein", dichtete der Schriftsteller Dieter Höss zurück, "daß Satiriker / keine Satire vertragen, / ja, sie gar nicht begreifen? / … / Oder kann es sein, daß in Essensfragen / Wolfram Siebeck ganz einfach / mehr Snob als Satiriker ist?" Ein Gerrit Wöckener aus Greven wollte Siebeck gern zum Restaurant-Testen auf den Mars schicken ("Der Mond ist leider schon zu rückkehrsicher") und nur ein österreichischer Leser namens Dr. Alexander van der Bellen gestand: "Mit großem Vergnügen lese ich die Artikel von Wolfram Siebeck über jene Köstlichkeiten, mit denen die deutsche Küche unseren Magen beleidigt."

Heute ist Alexander van der Bellen Parteichef der Grünen in Österreich. Und so war der Disput Günter Herburgers mit Wolfram Siebeck auch der Beginn einer wunderbaren Doppelfreundschaft: Zwischen Siebeck und Österreich. Und zwischen Siebeck und den Grünen.
1981: Als Josef Viehhauser nicht mehr kochen konnte
Im Frühjahr 1981 streifte Wolfram Siebeck hungrig durch Hamburg. "Wo bitte, gibt’s hier was zu beißen?" stand schließlich über der Restaurantkritik, die am 3. April im ZEITmagazin erschien. Es ging um die Top-Adressen an Elbe und Alster: Landhaus Scherrer, Le Delice, Landhaus Dill, Restaurant Haerlin, Atlantic-Grill, L’Auberge Francaise. Und es ging um das Restaurant Le Canard, das der junge Österreicher Josef Viehhauser drei Jahre zuvor im Stadtteil Eppendorf eröffnet hatte.

Wolfram Siebeck mochte es nicht. "Man sitzt eng, es fehlt an Luft, und unüberhörbar signalisiert eine klappernde Saloontür vor der Toilette, wie es um die Verdauung der Gäste steht." Wolfram Siebeck mochte auch den jungen, forschen Küchenchef nicht. Der hatte nach einer Frankreichreise öffentlich getönt: "Was Herr Chapel für uns kochte, können wir … schon lang". Siebeck zitiert das süffisant und meint: "Seine kümmerliche Kopie der berühmten Trüffelsuppe des Paul Bocuse ist mit ihrem mißratenen Blätterteigdeckel und dem Preis von 51 Mark schon ein starkes Stück. Zu solchen Einzelheiten gesellen sich stilistische Schwächen, die den Anspruch des Kochs vollends als lächerlich erscheinen lassen." Nur Viehhausers Desserts konnten den kritischen Gast ein wenig besänftigen: "Eines delikater als das andere. Talent ist also hier durchaus vorhanden."