Und unerschrocken wie er immer war – oder lockten ihn die Desserts? – tauchte Wolfram Siebeck vier Jahre später wieder im Le Canard auf. Mit seiner Frau Barbara und mit Jochen Karsten, dem damaligen Chefredakteur des Feinschmecker. Sie nahmen Platz, aber niemand brachte ihnen eine Speisekarte. Nach einer halben Stunde kam Josef Viehhauser aus der Küche und setzte sich zu den dreien – wie sich ein österreichischer Wirt eben so zu seinen Gästen setzt. Hier aber ging es nicht um Gemütlichkeit. "Herr Siebeck", sagte Josef Viehhauser, "ich habe ein Problem". Er schaffe es einfach nicht, für ihn zu kochen.

Der Rauswurf schlug Wellen. Unter anderem beschäftigte sich Hanno Kühnert in der ZEIT mit der Frage, ob ein Gastronom so etwas überhaupt dürfe, rein juristisch. "Macht er nicht mit Wirtshausschild, Speisekarte und offener Tür ein bindendes Angebot? Lässt sich vielleicht Siebecks Anspruch auf ein Canard-Essen gerichtlich … durchsetzen? Und dürfte der wütende Wirt dann ein angebranntes oder verhunztes Essen servieren?"

Die Antwort: Wirtshausschild und Speisekarte seien nur eine "Aufforderung zur Abgabe von Angeboten". Das Angebot mache der Gast nach dem Studium der Speisekarte, angenommen sei es, wenn der Kellner nicke. Alles andere: Vertragsfreiheit.

Die Versöhnung zwischen Wolfram Siebeck und Josef Viehhauser trug sich dem Koch zufolge ebenfalls in seinem Restaurant zu. Im Februar 1996 stand im ZEITmagazin zu lesen, Viehhauser sei "heute sicherlich der beste Koch der Stadt", und im Mai 2000 schwärmte Siebeck in seiner Kolumne über ein Essen im Le Canard, das längst in eine schicke Location an der Elbchaussee umgezogen war: "Es ist … alles etwas feiner und zarter als anderswo: die winzigen Tintenfische, … der kleine, halbe Hum-mer …, die eingebackene Nuss vom Kalbsbries oder die pochierte Scheibe von der Gänseleber, … alles Stationen auf dem Weg zum Hochgenuss."
Beim Finale des ZEIT-Kochwettbewerbs 2002 im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten saß Josef Viehhauser mit Barbara und Wolfram Siebeck, mit Renate Künast und Ulrich Wickert einträchtig am Jurytisch. Von Problemen war keine Rede mehr.

1983: Die Leser und das Wegwerfhuhn
"Kochvorschläge" wollte Wolfram Siebeck in seinem zehnteiligen "Sommerseminar" 1983 geben, beschäftigte sich in der ersten Folge mit Gewürzen, in der zweiten mit Salat und in der dritten, im ZEITmagazin vom 15. Juli, mit Reis. Den koche er gern in Hühnerbrühe, "wenn ich bewußt etwas ganz besonders Delikates herstellen will".
Und dann kam die Textstelle, an die sich manche Siebeck-Leser bis heute voller Empörung erinnern: "Meistens stelle ich die Hühnerbrühe selber her – aus tiefgefrorenem Suppenhuhn! Nach wie vor halte ich tiefgefrorene Hühner für ungenießbar, ja, sie sind für mich geradezu das Symbol für das aus Bequemlichkeit verkommene Qualitätsbewußtsein unserer Zeit. Doch eine Hühnerbrühe herstellen, die wiederum nur zum Reiskochen verwendet wird, das schaffen die tiefgefrorenen gerade noch. Überdies sind sie sehr billig. Nach dem Auskochen kann ich sie ohne Gewissensbisse wegwerfen: zu mehr taugen sie nicht."
Das war zu viel.

Es gäbe gute Gründe, schrieb die Leserin Gabriele Hofmann aus Willstätt, "aus Solidarität mit den Hungernden auf unserer Welt so wenig Fleisch wie nötig zu verzehren. … die Wegwerf-Mentalität eines Herr Siebeck" aber stelle "geradezu eine Verhöhnung dieser gepeinigten Menschen dar."

Aus den sprichwörtlichen Waschkörben voller Leserbriefe druckte DIE ZEIT am 16. September 1983 nur kurze Stellen aus einer kleinen Auswahl: "… das ist doch wohl vollkommen unZEITgemäß!" (Hertha Henke, Göttingen) – "Es ist ein Skandal, wie dieser sich als Feinschmecker gerierende Snob mit Lebensmitteln umgeht …" (Antje Telgenbüscher, z. Zt. Langeoog) – "Im Mittelalter hatte man ein Wort für so was: Frevel!" (Jürgen und Beate Schliehe, Loxstedt) – "… eine nicht zu überbietende Arroganz …" (Dr. Gertrud Bauer-Lindemann, Osnabrück) – "Mir wird übel!" (Margret Kortmann, Osnabrück)