"Lebenswelt und Wissenschaft": Auch wenn der Titel es nahelegte, war schon absehbar, dass der 21. Deutsche Kongress für Philosophie ebenjene lebensweltliche Nähe wieder würde vermissen lassen, die sich die ratsuchenden Zeitgenossen erhoffen. Die akademische Philosophie ist eine große Mogelpackung aus der Perspektive jener, die Trost und Anleitung erwarten. Selbst wenn die Philosophen, wie auf diesem Kongress, Naturwissenschaft und Technik, Recht und Wirtschaft in den Blick nehmen, werden sie keine Handlungsempfehlungen aussprechen, sondern höchstens Bedingungen diskutieren, unter denen bestimmte Handlungen, in Abhängigkeit von bestimmten, aber vielleicht ungerechtfertigten Annahmen, zu bestimmten Konsequenzen führen, die aber ihrerseits womöglich schon nicht mehr als gerechtfertigt gelten können, jedenfalls nicht mehr nach Maßgabe jener Annahmen, von denen der Handelnde ursprünglich… Und so weiter und so fort.

Es ist dies aber nicht die Elfenbeintürmelei, die der Philosophie so gerne zum Vorwurf gemacht wird. Es ist ihr ureigenster, kritischer Geist, der nicht zulässt, dass sie Aussagen über die Welt formuliert, ohne vorher zu überlegen, unter welchen Voraussetzungen überhaupt solche Aussagen gemacht werden können. Schon in den Platonischen Dialogen bemüht sich Sokrates zunächst immer darum, alles beiseitezuschaffen, was sich logischer- und vernünftigerweise nicht behaupten lässt. Die größten Philosophen haben stets damit begonnen, ihren Vorgängern unzulässige Schlüsse und ungedeckte Behauptungen vorzuwerfen. Die abendländische Philosophiegeschichte lässt sich mit wenig Willkür als eine gewaltige kollektive Anstrengung begreifen, die Zahl der begründbaren Sätze immer weiter zu beschränken, bis hin zu dem Metaphysikverbot der Positivisten und gipfelnd in der These Wittgensteins, wonach die meisten philosophischen Probleme überhaupt nur Missverständnisse seien – nämlich Missverständnisse über die Natur der Sprache, in der sie formuliert worden sind.

Und namentlich der "Kurzschluss aufs Leben" – die Übertragung philosophischer Erkenntnisse ins Konkrete, Praktische – ist der gängigste und gefürchtetste Vorwurf der Zunft geblieben. Die Philosophie ist nichts für die Freunde der Lebensweisheit. Es ist aber auch mit dem Seufzer nicht getan, dass Philosophie nun einmal keine Theologie sei – denn auch die Kirchenväter haben sich wesentlich damit beschäftigt, was alles in der Bibel nicht steht und was von Gott nicht gesagt werden kann.

Bei allem skeptischem Abseitsstehen, bei aller Verweigerung praktischer Lebenshilfe ist es aber nicht so, dass die Philosophie etwa kalt vom Menschen dächte. Sie denkt vielmehr bei Weitem höher von ihm als all die Ratgeberliteraten und Rosenquarzanbeter, die ihm ein X für ein U vormachen. Die Philosophie mutet dem Menschen die Mündigkeit und Kraft zu, den schwankenden Grund seines Wissens und seiner Existenz auszuhalten. Mehr hatten, am Ende, auch Augustinus und Luther nicht anzubieten. Und mehr verkaufen zu wollen – das wäre die wahre Mogelpackung. Jens Jessen