Viele Geheimnisse meint der Mensch gelöst zu haben und ist dabei außer sich geraten. Sein Weltinnenraum hingegen entzieht sich noch immer verlässlicher Kenntnis, auch wenn uns die Hirnforscher in den Kopf steigen und das dortige, insgesamt rätselhaft anmutende Treiben in Computerbilder übersetzen. Wir wissen nicht, was den Menschen zum Menschen macht, haben aber die Vermutung, dass es die Seele sein könnte, die uns als altehrwürdige Idee begleitet, seitdem wir Gott- und Sinnsucher sind.

Trotzdem ist die Seele aus der Mode gekommen; bei den Berechnern der Welt spielt sie keine Rolle mehr. Dass das jedoch nicht so bleiben muss, zeigt Mathias Schreiber in seinem anregenden Buch Was von uns bleibt. Über die Unsterblichkeit der Seele. Der Autor und Kulturjournalist traut sich, ein Bekennerschreiben zur "Unsterblichkeit der Seele" abzugeben, das den Fortschrittsgläubigen unter uns, die die eigenen, "wissenschaftlich" erworbenen Versorgungsansprüche nicht gern infrage stellen lassen, kaum behagen dürfte; ihnen hält Schreiber entgegen: "Wir sollten niemals Fragen wie die nach der Unsterblichkeit allein vom eindimensionalen, tendenziell kalten und verdinglichenden Denken des modernen Naturtechnikers beantworten lassen."

Stattdessen fordert er eine "Umkehrung der Beweispflicht": Nicht der Seelenfreund, der sich, mit Blick auf die Geistesgeschichte, in bester Gesellschaft weiß, "muss sich beweisen, sondern der grimmige Verfechter von Zerrissenheit, Spitzwinkligkeit, Dissonanz und ewigem Tod. Es ist ja wirklich die Frage, wieso die radikale Todesthese unbewiesen für fast selbstverständlich gehalten wird, während der Anhänger des Selbstverständlichen – der letzten Abrundung aller Existenzen und der Balance zwischen den widerstreitenden Kräften der Natur – ständig aufgefordert wird, die positiven Ungeheuerlichkeiten, die er intuitiv annimmt, umständlich zu beweisen." Schreibers Buch spricht uns aus der Seele, und nicht nur deshalb wünschen wir ihm viele Leser. Ohne die Seele mag man ein erfolgreiches Leben führen können, es wäre nur seelenlos. "Wenn ich eines Tages wieder sehen kann, werde ich in die Augen der Menschen schauen und ihre Seele darin sehen", sagt ein Mädchen zu einem alten Mann in José Saramagos Roman Stadt der Blinden. "Seele?", fragt der Alte zurück. "Ja", antwortet das Mädchen, "in jedem von uns ist etwas, was keinen Namen trägt, und dieses Etwas ist das, was wir sind. Die Seele, glaube ich, ist unsere Individualität."

Mathias Schreiber: Was von uns bleibt

Über die Unsterblichkeit der Seele; Deutsche Verlags- Anstalt, München 2008; 160 S., 14,95 €