Rote Socken

Tillmann Prüfer fragt: Warum trägt Wolfram Siebeck nur rote Strümpfe?

Es war der Tag, an dem Kurt Beck von der SPD-Spitze weggemobbt worden war, als in der Sendung von Anne Will die üblichen Talkshowtalente der deutschen Politik aufgeregt zusammensaßen und versuchten, sich gegenseitig den Abend zu verderben. Guido Westerwelle fragte Jürgen Trittin, wie denn die Grünen dazu stünden, nach der Wahl mit den Linken zusammenzuarbeiten. Trittin erklärte in etwa, man werde sich höchstwahrscheinlich nicht mit den Linken einigen können. Worauf der SPD-Mitarbeiter Hubertus Heil die Stimme erhob und erklärte, man könne bei den Konservativen ruhig die "roten Socken" stecken lassen. Da waren sie wieder, die roten Socken aus dem Bundestagswahlkampf 1994: "Auf in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken". Der Slogan, den der damalige CDU-Generalsekretär Hintze entworfen hatte, war das einprägsamste Motto seit "Keine Experimente" von Konrad Adenauer.

So prägnant, dass er sogar den Stil von Wolfram Siebeck prägte. "Ich hatte gehört, man solle sich von den roten Socken bloß fernhalten – und dachte mir, dass das ja prima sei, wenn sich dann alle von mir fernhielten." Seitdem verlangt Siebeck, wann immer er sich einen Strumpf kauft, nur nach einer Farbe: Rot. Einfach, weil er die CDU-Kampagne so "bescheuert" fand. Vielleicht ohne es zu wissen, wurde Siebeck damit nicht nur zu einem der letzten Träger politischer Protestkleidung. Er folgte auch der Tradition britischer Gentleman-Mode. In England ist es nämlich durchaus üblich, die gedeckten Farben des Anzuges mit roten oder fliederfarbenen Socken aufzulockern. Es werden sogar knöchellange Hosenbeine getragen, um das bunte Strumpfkleid besser zur Geltung zu bringen. Siebeck, der übrigens keine Sympathien für Postkommunisten hegt, sollte allerdings auch erfahren, wie mühsam es sein kann, eine Haltung über Jahrzehnte hinweg zu tragen. In der Mode hinken die roten Socken ihrer politischen Bedeutung noch hinterher, was sie zum knappen Gut macht. Außer in zwei Geschäften in München und Wien seien sie kaum zu bekommen, klagt Siebeck. Vielleicht sollte er sich Einkaufstipps bei einem anderen berühmten Rote-Socken-Träger holen: Als Papst Benedikt noch Kardinal Ratzinger hieß, trug auch er als Teil seiner Dienstkleidung rote Strümpfe. Über politische Motive ist nichts bekannt.

Zeichen des Protests:

Rote Socken von Falke, ab 10 Euro

Fotos ––– Barbara Siebeck; Peter Langer ZEIT magazin