DIE ZEIT: Sie haben 1990 ein Editorial geschrieben mit dem Titel: Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind? Danach haben Sie Ihren Posten als Chefredakteur des sterns verloren. Ist Ihr neues Buch über die Einheit auch eine persönliche Bilanz?

Michael Jürgs: Das war nachtragend eine therapeutische Arbeit. Der Rauswurf war ein gewisser Schock für mich. Heute würden viele sagen, warum hast du kein Ausrufezeichen gemacht hinter den Satz? Ich würde den Text auch wieder so schreiben, denn mein Grundsatz war, dass die deutsche Einheit nicht zu meinem Traum von Europa gehörte. Nachdem ich dann ein paar Bücher geschrieben habe, um zu zeigen, was ich ohne den Apparat stern schaffen kann, dachte ich mir irgendwann: Was ist eigentlich aus der Einheit geworden? Nächstes Jahr ist der 20. Jahrestag des Mauerfalls, also zog ich los als Reporter, der keine Wahrheiten mitbringen will, sondern erzählt, was er erlebt hat.

ZEIT: Sie sind als Ossi-Hasser bekannt. Kürzlich schlugen Sie in Ihrer Kolumne im Tagesspiegel vor, in Sachsen-Anhalt ein "Reservat für Neonazis" einzurichten.

Jürgs: Oh ja, da war der Teufel los. Erstaunlicherweise wollten viele Wessis ihr Abo abbestellen. Für die bin ich plötzlich ein Kalter Krieger. Mir ist das egal, ich bin da, wenn Sie so wollen, gnadenlos gemein. Man muss auch mal zuspitzen, denn die Nazigefahr ist im Osten viel größer als bei uns. Aber diese Kolumne mache ich ja im Wechsel mit Angela Elis, die ihre ostdeutsche Sicht vertritt. Das geht auch nur, weil sie zurückschlägt, sonst würde ich das nicht machen, das wäre mir sonst zu billig. Aber was mir bei meinen Lesungen auffällt, ist dieser unglaubliche Unterschied zwischen Ost und West: Ironie verstehen die im Osten überhaupt nicht.

ZEIT: In Ihrem Buch hat man fast das Gefühl, Sie schrieben jetzt mit einer gewissen Wärme über den Osten. Hat die Recherche Sie so verändert?

Jürgs: Ich habe da eine gewisse Nähe zum Osten entdeckt. Ich finde bewundernswert, wie sich gerade die kleinen Leute hinstellen und sagen: Wir machen was, wir lassen uns nicht unterkriegen. So jemand wie der Bürgermeister der kleinen, von globalisierten Heuschrecken überfallenen Stadt Herzberg in Brandenburg, der läuft möglichen Investoren so lange hinterher, bis sie ihn anhören, und er hat zaghafte Erfolge damit.

ZEIT: Gibt es noch immer eine tiefe Spaltung zwischen Ost und West? Bei der Kanzlerin denkt ja kaum einer darüber nach, woher sie kommt.