Die Paralympics sind noch nicht vorbei, und der Alltag kehrt wieder in China ein. Auch in Form von Skandalen. Obwohl sich seit Monaten die Beschwerden häuften, ist der chinesische Marktführer für Babymilch, Sanlu, erst vor wenigen Tagen gezwungen worden, 8000 Tonnen seiner Produkte aus den Regalen zu nehmen, in denen die Chemikalie Melamin nachgewiesen wurde, die eigentlich nur in Klebstoff oder Reinigungsmittel gehört. Der Stoff sollte den Behörden höhere Proteinwerte vortäuschen. Zwei Babys starben qualvoll an Nierensteinen, die sich durch Melamin bilden. Rund 1300 sind zum Teil schwer erkrankt. 19 Verdächtige wurden festgenommen.

Dass überhaupt etwas passierte, ist wieder dem Internet zu verdanken. Seine Rolle für die Zivilgesellschaft Chinas kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der staatlichen Zensur gelingt es längst nicht mehr, die wie Wasserblasen an die Oberfläche steigenden Beschwerden in den Internetforen zu unterdrücken. Inzwischen tauchen die Beschwerden sogar in den Besucherspalten der Behördenwebsites auf: E-Verwaltung von unten. Bereits am 30. Juni war im Fall Sanlu ein Eintrag auf der Website der Pekinger Behörde für Qualitätskontrolle für jeden zu sehen: In der Provinz Gansu seien mehrere Säuglinge mit Nierensteinen ins Krankenhaus eingeliefert worden, die alle mit Milchpulver der Marke Sanlu gefüttert worden seien. Das Gesundheitsamt müsse sich sofort einschalten. Am 7. Juli traf eine weitere Internetbeschwerde ein. Derweil kochte das Thema langsam, aber dennoch stetig in den Foren hoch, bis es nicht mehr zu ignorieren war. "Wie stehen wir da, wenn ein Ausländer dieses Milchpulver konsumiert?", schrieb ein Blogger.

Die Behörden haben völlig versagt

Die chinesische Presse jedoch schwieg. Sie hatte während der Olympischen Spiele einen Maulkorb verpasst bekommen. Auf einer Liste mit 21 Punkten, die in der Propagandaabteilung des Zentralkomitees erstellt wurde, stand unter Position 8 der Satz: Die Berichterstattung über "alle Fälle der Lebensmittelsicherheit sowie krebserzeugendes Mineralwasser sind nicht erlaubt". Immerhin hat die Presse nach den Spielen ihr Schweigen gebrochen. Am 9. September traute sich ein Lokaljournalist der staatlichen Lanzhouer Morgenpost, die Geschichte zu drucken.

Völlig versagt jedoch haben die Behörden. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass zwei Kinder sterben mussten und viele schwer erkrankten, damit die Olympischen Spiele in Ruhe stattfinden konnten. Im Juli verwiesen die Beamten der Pekinger Zentrale für Qualitätskontrolle die Beschwerden gegen das Milchpulver an die untergeordnete Provinzbehörde. Es passiert nichts. Möglicherweise war auch ihnen Schreckstarre während der Spiele verordnet worden. Doch sie hätten schon weit vor den Spielen handeln müssen. Es mag nicht einfach sein, ein großes Land wie China mit einem effizienten Kontrollsystem zu überziehen, und auch in einem geordneteren Land wie Deutschland gibt es Gammelfleischskandale, doch wenigstens einen Milchpulver- hersteller wie Sanlu, mit einem Marktanteil von 18 Prozent, hätten die chinesischen Behörden regelmäßig kontrollieren müssen. Bereits 2004 waren 13 Kinder gestorben, weil sie vergiftetes Milchpulver getrunken hatten, damals waren kopierte Sanlu-Produkte involviert.

Auch Gesundheitsminister Gao Qiang, der Sanlu die Verantwortung für den Skandal zuschiebt, macht keine gute Figur. Bereits im März dieses Jahres sei man nach dem ersten Hinweisen gerichtlich gegen Sanlu vorgegangen, sagt er. Und Sanlu habe damit angefangen, Produkte vom Markt zu nehmen. "Aber die Sanlu-Gruppe hat der Regierung über eine lange Zeit nicht berichtet", beschwert sich der Minister, sie sei deshalb verantwortlich. Vor allem in der neuen städtischen Mittelschicht sieht man das anders: Es gebe eben wie überall kriminelle Unternehmer, und es sei Aufgabe des Staates, ihnen das Handwerk zu legen. Selbst westlichen Produkten kann man in China nicht trauen. Nestlé etwa hat immer wieder mit verdorbenen Lebensmitteln in gefälschten Packungen zu kämpfen.

Gleichzeitig wurde in den chinesischen Internetforen die Berichterstattung der westlichen Medien kritisiert. Um China an den Pranger zu stellen, hätten viele Medien verschwiegen, dass das neuseeländische Unternehmen Fonterra mit 43 Prozent an Sanlu beteiligt ist, beschweren sich manche. Andere wiederum ärgerten sich darüber, dass in der westlichen Presse so getan wird, als hätte erst das Ausland, vor allem die neuseeländische Ministerpräsidentin Helen Clark und Fonterra, den Fall ins Rollen gebracht. Das ist tatsächlich falsch: Ein Fonterra-Sprecher gab zu, man habe seit dem 2. August von dem Fall gewusst und versucht, die chinesischen Behörden darauf aufmerksam zu machen, sei allerdings auf taube Ohren gestoßen. Andrew Ferrier, der Vorstandschef, behauptet gar, Sanlu sei ein Opfer von "Sabotage" und beide Unternehmen hätten das Beste getan, die Öffentlichkeit "im Rahmen der Spielregeln" zu alarmieren. Ein Anruf bei einem internationalen Fernsehsender Anfang August hätte Schlimmeres verhindern können. Frank Sieren