Das Ende der Wall Street besiegelten sie hinter verschlossenen Türen. Zwei Tage lang verschanzten sich die Köpfe der US-Finanzwelt und ihrer Aufsichtsbehörden in der vergitterten New Yorker Notenbank an der Südspitze Manhattans. Der Hausherr Timothy Geithner. Der Finanzminister Henry Paulson, der früher einmal Chef der Investmentbank Goldman Sachs war. Sein Nachfolger, der heutige Goldman-Chef Lloyd Blankfein. John Mack, genannt "das Messer", der Chef von Morgan Stanley. John Thain, der Vorstandschef des schwer angeschlagenen Brokerhauses Merrill Lynch, und Richard Fuld, "der Gorilla" genannt, dessen Institut Lehman Brothers vor dem Kollaps stand.

Noch einmal führten sie sich auf wie Masters of the Universe. Bei ihrer Ankunft am frühen Morgen brachten ihre schweren schwarzen Limousinen fast den Verkehr zum Erliegen. Sicherheitskräfte drängten Pressefotografen zur Seite, damit die Finanzpromis ungestört blieben. "Wir sollen nicht mal einen Blick auf diese Jungs werfen können – dabei geht es um unser Geld!", beschwerte sich ein Passant.

In der Tat. Unter der größten Finanzkrise seit 80 Jahren leiden alle. Und die Demokratien erinnern sich an eine wichtige Aufgabe: den Finanzjongleuren Grenzen zu setzen. Gelingt ihnen dies nicht, steht mehr auf dem Spiel als nur das Geldgeschäft. Dann ist die Legitimität des Wirtschaftssystems selbst in Gefahr. Nicht linke Eiferer stellen es infrage, sondern die gescheiterten Herren der Geldhäuser.

Draußen auf der Straße hofften viele bis zum Schluss, dass die Finanzmarktchefs drinnen bei ihren Beratungen eine Lösung finden würden. Dass vielleicht sogar die US-Regierung wieder eingreifen und das Schlimmste verhindern würde. So wie sie es ein paar Tage zuvor getan hatte, als die Steuerzahler die beiden Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac für mindestens 300 Milliarden Dollar übernahmen. Oder so wie vor sechs Monaten, als die Investmentbank Bear Stearns durch einen Zwangsverkauf und 29 Milliarden Dollar Staatsgarantien vor dem Zusammenbruch bewahrt wurde.

"Dies ist das Ende der unabhängigen Investmentbanken"

Doch diesmal half keiner mehr. Nicht mehr die US-Regierung. Nicht mehr Käufer aus Korea, Singapur und China, die noch Anfang des Jahres Milliarden in angeschlagene US-Banken gesteckt hatten. Nicht mehr die anderen Wall-Street-Banken, die sich selbst nicht sicher genug fühlten, um Lehman zu retten. Lehman ist bankrott – mit 613 Milliarden Dollar Verpflichtungen die größte Pleite in der Geschichte der USA. Die Investmentbank Merrill Lynch wurde – auf Drängen der Zentralbank – der Bank of America einverleibt. Von einst fünf großen Investmentbanken bleiben noch zwei.

Doch andere Institute gelten auch schon als angeschlagen, die Investmentbank Morgan Stanley zum Beispiel, trotz neuer Gewinne. Der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini glaubt, die Welt sei "nur noch um Haaresbreite" von einer allgemeinen Anlegerflucht aus sämtlichen Investmentbanken entfernt. "Dies ist das Ende der Wall Street der unabhängigen Investmentbanken", sagt Roubini. "Eine Jahrhundertkatastrophe!", kommentierte Alan Greenspan, der ehemalige Chef der Washingtoner Notenbank. Sogar der Versicherer AIG – bis vor wenigen Monaten der größte Versicherer der Welt – stand zum Wochenbeginn vor dem Aus, weil er sich darauf eingelassen hatte, für exotische Wall-Street-Produkte als Garant geradezustehen. Das könnte die US-Versicherungswirtschaft ins Chaos treiben.

Eine Ära ist zu Ende gegangen – mit einem gewaltigen Beben. Schon breiten sich die Schockwellen vom Epizentrum in Manhattan um die ganze Welt aus. Sie treffen Banken, sie treffen Volkswirtschaften. Es gibt ja kaum noch ein Land, kaum noch ein Geschäftsfeld, in dem Finanzkapitalisten nicht nach amerikanischem Vorbild und mit engen Bindungen an die Wall Street mitgemischt hätten!

In New York und London, Frankfurt und Zürich, Abu Dhabi und São Paulo traten Investmentbanker als die Hohepriester eines Finanzsystems auf, dessen komplexe Wertpapiertransaktionen der niedere Klerus längst nicht mehr nachvollziehen konnte. Sie wurden intime Berater der großen Konzerne. Banken in aller Welt eiferten ihrem Beispiel nach, angelockt von märchenhaften Profiten in Amerika, darunter auch europäische Traditionshäuser wie die Schweizer Großbank UBS. Fortan handelten auch sie mit Wertpapieren, berieten bei Fusionen, verkauften Finanzinnovation. Die Gier war größer als die Vernunft.