Eigentlich kann ich kein Blut sehen. Aber jetzt bin ich bei Nitsch. In seinem neuen Museum über der Altstadt von Neapel. Hermann Nitsch, der Blutrünstige, sitzt, ganz in Schwarz gekleidet, auf einem tiefroten Samtsessel, die Klimaanlage arbeitet unverdrossen die Schwüle aus dem Raum, es werden Gratulationsreden gehalten. Und Nitsch nickt ein paarmal friedlich ein.

Das Museum hat ihm Giuseppe Morra gewidmet, Galerist, Mäzen und Weinbergbesitzer. Ein freundlicher, bescheidener Neapolitaner, der Nitsch 1973 bei dessen erster Aktion in Neapel auch ins Gefängnis begleitete. Inzwischen hat die Polizei hier wirklich andere Probleme, erst gestern hat die Camorra wieder zwei aufmüpfige Spediteure erschossen, morgen werden 500 Polizisten das Stadion San Paolo gegen Randalierer abriegeln. In Neapel wirkt der österreichische Bürgerschreck und Schlossbesitzer Nitsch mit seinen Schlachtfesten, den Schüttbildern aus Tierblut und Kot, den Stillleben aus Lämmerlungen auf den Gemächten seiner Komparsen beruhigend museal.

Un classico, wie man hier sagt, monothematisch wie Christo, der aber verpackt wenigstens immer andere Gebäude. Bei Nitsch gibt es nichts Neues, es wird immer nur Blut vergossen, er muss Neapel wie ein transalpiner Eleve des Stadtpatrons San Gennaro erscheinen. Dessen Blut, in barocken Silberampullen aufbewahrt, verflüssigt sich dreimal im Jahr pünktlich zu den seit Jahrhunderten fest terminierten Feiertagen. Ja, Neapel ist die Stadt der Blutwunder, neben Gennaro tun es noch ein Dutzend anderer Lokalpatrone, das gehört hier zur Folklore. Die Neapolitaner scheinen nicht übermäßig beeindruckt von der Blutsuppe des Aktionskünstlers Nitsch, die als Dauer-Videoclip auf den Plattbildschirmen des Museums unter viel orgiastischem Gestöhn und biederer Blasmusik gerührt wird.

Nitsch hingegen betont gebetsmühlenhaft die Sakralität seines Orgien-Mysterien-Theaters, alles drehe sich um Kreuzigung, Eucharistie, die katholische Farbenlehre. In seiner Diktion heißt das "Lust am Fleisch und Erlösung durch Schönheit". Bei den Nitsch-Dionysien ist das menschliche Fleisch immer sehr weiß, sehr mager und sehr jung, das ergibt einen schönen Kontrast mit dem großzügig darübergegossenen Blut. Man kann das auf den Fotos sehen, die die Museumswände schmücken: Blut und Nieren quellen da aus Mädchenmündern, junge Menschen wühlen mit ausdruckslosen Gesichtern in toten Tieren herum.

Die braven Christen attackierten Nitsch wegen Blasphemie, die kreuzbraven Tierschützer als Tierquäler – das Schlachtvieh, sagt Nitsch, wurde aber stets ordnungsgemäß aufgefuttert. Die Neapolitaner interessiert das alles sowieso nicht. Sie essen Innereien am liebsten vom Straßenstand, roh mit ein bisschen Zitronensaft darüber. Sie mögen Nitsch. Und das neue Museum mit all den bunten Messgewändern zwischen den Blutvasen, den Jesusikonen, den Seziertischen mit blütenweißen Tampons und Taschentüchern mögen sie auch. Man betrachtet das Museo Nitsch hier als Symbol für die Wiederauferstehung von Neapel. Nach all dem Müll endlich wieder Kultur!

Neapel also ist in Massen gekommen zur Eröffnung, ungefähr 3000 interessant angezogene, sonnengebräunte Menschen trinken Rotwein, essen Büffelmozzarella und Sachertorte, begrüßen sich küssend, schnattern über den Sommer, genießen die grandiose Aussicht von der Terrasse des schnieke renovierten E-Werks aus der vorletzten Jahrhundertwende. Die Kuppel der Galleria! Der Hafen! Der Vesuv! "Kann man Capri sehen?" Man kann nicht. Die Sachertorte reicht übrigens nicht ganz.

Aber es gibt ja noch Nitsch-Schokolade zu kaufen. Rita Nitsch, des Meisters höchst energische dritte Ehefrau und erste Geschäftsführerin, stellt sie vor: "Schokolade aus kampanischer Büffelmilch, hergestellt von einem österreichischen Fabrikanten." Mit Nitsch-Blutbild auf der Verpackung! Es ist die Verschmelzung der Kulturen, die sinnliche Vereinigung von Italia und Austria. Eine neapolitanische Nitsch-Adeptin in einem Kleid mit Korallendruck angelt sich ein Paket, um es dem Meister darzubieten – mit der Bitte um ein Autogramm.