Pedro Manuel Rosabal lernt derzeit viele seltsame Ortsnamen kennen: Tettens und Stumpens oder die Kaperei. Gerade ist er in Elisabethgroden und posiert mit einer schwarzbunten Kuh für die Kameras der Lokalpresse. Der Geologieprofessor aus Havanna ist Spezialist für Nationalparks. 1986 stellte er einen wilden Küstenstreifen im Südosten Kubas unter Schutz. An jener Stelle war 30 Jahre zuvor Fidel Castro mit seinen Getreuen von der Jacht Granma an Land gegangen. 1999 erklärte die Unesco den Desembarco-del-Granma-Nationalpark zum Weltnaturerbe. Jetzt ist Rosabal unterwegs, um einer ganz anderen Gegend zum gleichen Ehrentitel zu verhelfen: dem Wattenmeer der Nordsee.

Das Weltnaturerbe ist, ähnlich wie das bekanntere Weltkulturerbe, eine Art Gütesiegel, das die Unesco vergibt. Den Ehrentitel erhalten einzigartige, besonders erhaltenswerte Landschaften. Deutschland und die Niederlande, zwei der drei Wattenmeeranrainerstaaten, haben im Januar den Aufnahmeantrag gestellt. Dänemark hat sich nicht an dem Antrag beteiligt, kann dem Naturerbe-Projekt aber später noch beitreten. Im Sommer 2009 will das Unesco-Komitee in Sevilla entscheiden, ob es den Titel verleiht. Dabei richtet es sich vor allem nach dem Votum der Internationalen Naturschutzunion (IUCN); in ihrem Auftrag ist Rosabal unterwegs. Elf Tage lang macht er sich ein Bild von dem Sand- und Schlickstreifen zwischen Sylt und der niederländischen Insel Texel, der nur bei Ebbe begehbar ist.

Vor allem aber spricht er mit Menschen: mit Biologen, Wattführern, Krabbenfischern. So will er herausfinden, ob die Bevölkerung hinter dem Projekt steht. Denn ein Welterbetitel verträgt sich nicht mit jeder Art von Landschaftsnutzung. Beim Ortstermin im ostfriesischen Elisabethgroden verkündet Rosabal einen Zwischenstand: Bislang sehe es für ihn so aus, als verdiene das Wattenmeer die Auszeichnung. Falls sein Bericht positiv ausfällt, ist die entscheidende Hürde genommen.

Für Deutschland wäre dieser Titel eine kleine Sensation. Zwar hat es einige Dutzend Stätten, die als Weltkulturerbe eingetragen sind (zuletzt die Wohnsiedlungen der Berliner Moderne), aber nur ein einziges Weltnaturerbe: die Grube Messel in Südhessen mit ihren Fossilien. Weltweit umfasst die Unesco-Liste 174 Naturdenkmäler. Läuft alles nach Plan, steht das Wattenmeer bald in einer Reihe mit dem Grand Canyon, dem Yellowstone-Nationalpark und Ayers Rock.

An der Nordsee sind die Befürworter sich ihrer Sache schon recht sicher. "Das Wattenmeer ist einmalig", sagt Jens Enemark, der Rosabal auf seiner Inspektion begleitet. "Es ist das größte zusammenhängende Küstenwatt auf der ganzen Welt." Enemark leitet das Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven, das die deutschen, niederländischen und dänischen Schutzmaßnahmen koordiniert. Er bezeichnet das Watt als einen Glücksfall für die Tierwelt. Im warmen Flachwasser ziehen Robben ihre Jungen groß. Zwölf Millionen Zugvögel rasten hier auf dem Weg zwischen Sommer- und Winterquartier. Allein auf den Ostfriesischen Inseln, so eine Studie der Uni Oldenburg, lebt jede fünfte heimische Tierart von der Kegelrobbe bis zur Graszirpe. Auch auf den Wattflächen selbst, in den Dünen und Prielen wimmelt es von Leben.

Geld von der Unesco gibt es für die Welterbestätten nicht. Trotzdem ist die Vorfreude groß. "Den Welterbestatus empfänden wir als Ritterschlag und Belohnung für unsere Schutzbemühungen", sagt Sven Ambrosy, der Chef des Tourismusverbands Nordsee. In Erwartung der Auszeichnung haben sich die Fremdenverkehrsleute von Leer bis Cuxhaven ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 2015 soll die Zahl der Übernachtungen in der Region von 22,5 Millionen im Jahr auf 23,5 Millionen steigen. Ein neues Resort, zwei Fünfsternehotels und zehn Viersternehotels sind geplant. Gerade bei Süddeutschen, Österreichern oder Schweizern, die eher ans Mittelmeer reisen, soll das Prädikat die Neugier auf einen Nordseeurlaub wecken. Könnte der Rang als Weltnaturerbe auch Nachteile bringen, etwa für Industrie und Schifffahrt? Das glaube er nicht, sagt Ambrosy. Schließlich solle der Unesco-Schutz nur solche Gebiete umfassen, die schon als Nationalparks ausgewiesen sind und ohnehin strengen Auflagen unterliegen. In Hamburg indes, das über magere 1,4 Prozent der Wattfläche verfügt, sieht man das anders. Dort lehnen die verantwortlichen Politiker das Naturerbe-Projekt bislang ab. Sie fürchten, dass die Unesco-Auflagen den Ausbau des Hafens erschweren könnten.