Die von einer geopolitischen Weltsicht geprägten Empfehlungen Parag Khannas (ZEIT Nr. 38/08) an die EU mögen in ihrer Sache richtig sein, verkennen dabei leider jedoch ein wichtiges Detail – die realpolitische Praxis. Denn die Europäische Union mag ein "sanftes Imperium" mit hoher Anziehungskraft sein, ein geschlossen handlungsfähiger außenpolitischer Akteur ist sie (noch) nicht – siehe die Krise im Zuge des Irakkriegs 2003.

Die Ursachen dafür liegen in der Natur des europäischen Staatenverbunds, der eben das ist: ein Zusammenschluss souveräner Nationalstaaten, der zwar inzwischen eine Vielzahl von Politikbereichen supranational vergemeinschaftet hat, im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik aber immer noch weitgehend dem Prinzip der nationalen Souveränität folgt. Das Gezerre um den Vertrag von Lissabon hat die unzulänglichen institutionellen Möglichkeiten zu einer geschlossenen europäischen Außenpolitik nicht unbedingt verbessert.

Vor diesem Hintergrund ist nun der Vorschlag Khannas sehr gewagt, die Ukraine und die Türkei als neue Matrosen ins europäische Boot zu holen. Denn auf einem Schiff, auf dem es jeden Seemann eher in den eigenen Hafen als nach Brüssel zieht, wäre vielleicht ein richtunggebender Kapitän oder zumindest ein Navigator die dringlicher zu besetzende Personalie.

Somit sollte die EU zunächst ihre innere Zerrissenheit konsolidieren und die institutionellen Voraussetzungen für den Beitritt von über 100 Millionen neuen Unionsbürgern schaffen, bevor ein Beitritt der beiden Staaten als Vollmitglied ernsthaft erwogen wird. Sonst könnte der Versuch einer sanften Erweiterung ganz plötzlich zu einem sehr unsanften Auseinanderdriften gemeinsamer außenpolitischer Handlungsoptionen werden – welche bitter nötig sind, möchte Europa in Zukunft nicht eine uns wohlbekannte Charakterisierung zugewiesen bekommen: ein wirtschaftlicher Riese zu sein, aber politischer Zwerg.

Felix Haass, 23, studiert Friedensforschung und Internationale Politik an der Universität Tübingen

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