Peter Stein ist ein "werktreuer" Regisseur. Seine Maxime lautet: Erscheint dir ein alter Theaterstoff als "versunken", so zerre ihn nicht an die Oberfläche, also in die Gegenwart, sondern tauche in Demut hinab. Ist dir ein Schauspiel fremd, so nähere dich seinen Figuren als Besucher und nicht als Eroberer.

Der Auftakt seiner Kleist-Inszenierung am Berliner Ensemble ist eine machtvolle Demonstration von Werktreue. Auf den Metallvorhang, der die Bühne noch verschließt, ist die Vergrößerung eines Kupferstiches aufgetragen worden, Jean Jacques Le Veaus Le juge, ou la cruche cassée (Der Richter oder der zerbrochene Krug , 1782). Das ist das Kunstwerk, von dem Kleist zu seinem Lustspiel inspiriert wurde. Als der Vorhang in die Höhe gleitet, öffnet sich genau jene Szene, die wir als Kupferstich sahen, jetzt aber in szenischer Tiefe: Stube, Tisch, Türen. Stein taucht feierlich hinab zum Werk. In der Art, wie er den Vorhang hebt, vollzieht er den Sprung von der Idee zum fertigen Stück. Er inszeniert den Schaffensprozess des Dichters: Wir sollen sehen, was Kleist gesehen hat.

Nachdem diese Formalität geregelt ist – der Regisseur verpflichtet sich, die Quelle, aus der er trinkt, weder durch Ironie zu trüben noch durch "Einfälle" zu vergiften –, macht Stein sich an die Herstellung jener alten Welt: In die Schraffuren des Kupferstichs lässt er die Farben und Lichter Vermeers einströmen. Die Skizze lebt, wir sind in den Niederlanden des 17. oder 18. Jahrhunderts, Morgenlicht dringt durchs Fenster, die Bühne liegt im Halbschatten, Hühner haben flügelschlagend den Tisch besetzt. Nun erwärmt Stein das ferne Bild noch mit Musik: Ein Stück von Arturo Annecchino ertönt, man denkt an Karussellmusik, und es ist, als rolle sie den Helden gleich mit herein.

Dorfrichter Adam tritt auf, Klaus Maria Brandauer spielt ihn. Werktreue ist nun kein Thema mehr, von nun an herrscht Treue zu Brandauer. Adam trägt ein schlafnasses Hemd, Staub und Puder wirbeln um ihn her, er hustet und schüttelt sich, als sei er nicht dem Bett entkommen, sondern einem Abgrund. Aber er grinst und ist bester Dinge: Es ist ja alles noch mal gut gegangen.

Schon hier gerät ein anarchischer Strich in das festliche Bild. Der Berliner Adam hinkt und strauchelt, er schwankt im abgefangenen Sturz, gar nicht wie ein Gemäldeinsasse, eher wie eine von Schweißtropfen und Bewegungslinien umschwirrte Comicfigur.

Zwei Mägde scheuchen nun die Hühner von den Tischen, sie kichern, und man merkt: Des Richters Haus ist eine autonome Zone, eine Bastion, die langer Belagerung standhielte. Denn sie wird von der Lust zusammengehalten. Magd Margarete umarmt den knittrigen Adam, als hätte sie ihn gerade noch im Bett gehabt, sie begrüßt ihn mit dem Übermut der früher Aufgestandenen. Er aber grabscht schlafblind nach ihr. Eine Stimmung lässiger Entgrenzung wird da erzeugt, der Hausherr hält seine Mägde in Abhängigkeit, und sie lassen es sich gefallen. Diese Morgenszene wirkt wie der Nachklang einer kleinen Orgie, und man ahnt, dass der Richter und seine Lustmädchen sich in ausgelassener Stimmung auch mal am Boden wälzen.

Hier wird das Motiv hell angespielt, das später im Stück dunkler tönt: Richter Adam ist ein Alleinherrscher im Dorf Huisum. Er spricht sein eigenes Gesetz, und sein Rechtsverständnis ist ein Zusammenspiel von Eigeninteresse und Tageslaune. Seine Interessen aber sind: Sex, Wein, Braten. In der Nacht vor diesem Morgen, so lernen wir später, war er bei Evchen und wollte sie zum Sex erpressen. Adam versprach, Eves Verlobten Ruprecht vor der Verschiffung zum Kriegsdienst nach Hinterindien (und dem sicheren Tod) zu bewahren mittels eines ärztlichen Attestes. Dieses Attest wollte er Eve nur unter der Bedingung aushändigen, dass sie ihm zu Willen wäre. Ehe es zu sexuellen Handlungen oder zu Eves verzweifelter Abwehr kommen konnte, trat Evchens Verlobter Ruprecht ins Haus und verscheuchte, freilich ohne ihn zu erkennen, den Richter Adam, der bei seiner Flucht den titelgebenden Krug zerbrach und sich selbst an Kopf und Bein verletzte. Nun muss Adam seine eigene Spur verwischen und Eve zum Schweigen bringen. Er tut es, indem er, zum Schein, Gericht hält; es gilt, den Zertrümmerer des Krugs zu überführen.