Niemand möchte der Bote des Unheils sein. Und doch: Die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten ist gefährlich. Es ist der schwerste Bankenkrach seit 1929. Es ist eine Krise am Finanzmarkt, aber es besteht die erhebliche Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der realen Weltwirtschaft. Und es kann zu einer großen Vertrauenskrise kommen, die weit über die Finanzwirtschaft hinaus wirkt. Man kann das nicht ausschließen.

Noch ist die Lage keineswegs mit der Weltdepression der dreißiger Jahre zu vergleichen. Doch sie ist ernst genug. Sie bedarf des chirurgischen Eingriffs und der langfristigen Therapie.

Die Hauptschuldigen sitzen in New York. Diese Leute sind heute aber keineswegs in erster Linie die Leidtragenden der Krise. Viele Manager mit hohen Einkommen verlieren zwar ihre Stellung, gehen aber mit ihrem Reibach nach Hause. An der Wall Street herrscht ein Defizit an Durchblick, aber es herrscht auch ein moralisches Defizit.

Auf die Wall-Street-Manager folgen als Schuldige gleich die Politiker. Die Politiker in Washington haben nicht gemerkt, was los war, sie haben die Entwicklung nicht durchschaut. Insofern trifft sie eine Mitschuld. Aber bei ihnen geht es weniger um ein moralisches Defizit als um ein Defizit an Einsicht und Tatkraft.

Viel hat mit der Arroganz der Regierung in Washington zu tun. Sie weiß alles besser. Ob im Irak, in Georgien, bei den Turbulenzen auf dem Finanzmarkt oder beim Wirbelsturm in New Orleans – diese Regierung weiß alles und kann wenig. Sie ist mitgeschwommen in der profitbesoffenen Euphorie, die sich von der Wall Street über große Teile der nordamerikanischen Nation und nach England ausgebreitet hat, von dort aus über die ganze Welt bis in den Fernen Osten. In der Regierung von Bush junior kommt ein moralisches Defizit insofern hinzu, als dass sie davon gar nichts wissen wollte. Der Präsident und seine Umgebung waren von der Ideologie erfüllt: Das regelt alles der Markt.

Dabei wäre dieser Crash vermeidbar gewesen. Wenn man nur rechtzeitig das getan hätte, was man jetzt glaubt tun zu sollen, aber möglicherweise nur halbherzig tun wird: schärfere Kontrollen einführen, Sicherheits- und Transparenzbestimmungen für Finanzierungsinstrumente erlassen und eine deutlich stärkere Aufsicht über Finanzinstitute, Banken, Fonds, finanzielle Zweckgesellschaften und dergleichen ins Leben rufen. Die Tatsache, dass die amerikanischen Investmentbanken keiner normalen Bankaufsicht unterliegen, ist skandalös! Dies ist nur historisch zu verstehen: Die Investmentbanken waren ursprünglich Börsenmaklerfirmen, die mit Wertpapieren handelten, also unterstanden sie der Wertpapieraufsicht. In Wirklichkeit haben sie sich mit Hilfe von Krediten aufgeplustert zu sagenhaften Umfängen. Und so auch viele Hedgefonds.