Heutzutage fliegen jeden Tag Hunderte Flugzeuge über den Nordatlantik, infolgedessen braucht man Verkehrsregeln. Man hat vielerlei Sicherheitsstandards für jedes Flugzeug, für jeden Motor, für die gesamte Elektronik. Man hat längst Prüfungen für Piloten, die müssen wiederholt werden, und natürlich gibt es internationale Ausweichregeln. Je dichter der Verkehr, desto mehr Regeln und Vorschriften braucht man. Das gilt auch für die vielen Banken oder Hedgefonds und dergleichen, die heute international miteinander verkehren. Jedoch gibt es für sie relativ wenige mit Gesetzeskraft ausgestattete internationale Verkehrsregeln.

Der Weltfinanzmarkt und die Weltwirtschaft brauchen weltweit geltende Aufsichtsregeln und Sicherheitsstandards. Jemand muss ein System der Finanzaufsicht entwerfen für alle Finanzinstitute – einschließlich Fonds und Private-Equity-Gesellschaften – und für alle Finanzierungsinstrumente.

Die klassischen Finanzierungsinstrumente hießen früher Aktie oder Anleihe, Hypothek oder Bankkredit. Sie wurden gehandhabt von Finanzinstituten, die hießen Deutsche Bank oder Kreissparkasse Pinneberg; und natürlich unterstanden sie der Bankaufsicht. Eine Aktie muss von der Börsenaufsicht zugelassen werden. Dazu müssen die Unternehmen einen Prospekt vorlegen, müssen sich prüfen lassen. Die Aktiengesellschaft wird von Gesetzes wegen durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft. Und wenn die etwas Falsches unterschrieben hat, kommen die Verantwortlichen ins Gefängnis. Heute sind die sogenannten Finanzderivate an die Stelle der alten Instrumente getreten. Diese Finanzderivate unterliegen aber in den USA niemandes Prüfung! Und niemand kommt ins Gefängnis!

Langfristig müssen alle Finanzinstitute und die Finanzierungsinstrumente nach gleichen Prinzipien unter Aufsicht gestellt werden. Dafür ist keine neue Armee von Aufsehern erforderlich. Aber alle sollen international geltende gleiche Aufsichtsregeln befolgen müssen, das ist das Entscheidende. Diese Aufgabe kann Amerika nicht allein bewältigen. Die Europäer müssen mitmachen, die Chinesen, die Inder, die Japaner, die Russen und die Regierungen in Dubai und Riad. Jemand muss einen Auftrag dazu bekommen. Die von mir angeregte Gipfelkonferenz der Finanzminister und Zentralbankchefs könnte beschließen: Der Internationale Währungsfonds (IWF) soll einen Entwurf machen. Dort gibt es genug unabhängigen Sachverstand. Der IWF soll den Entwurf im Laufe der nächsten zwei Jahre vorlegen. Darauf sollten die europäischen Regierungen gemeinsam drängen.

Die Steuerparadiese in der Karibik müssen ausgetrocknet werden

Zu den Vorschlägen des IWF würde sicherlich eine Vorschrift gehören, die es verbietet, einen Kredit an ein Institut zu geben, das rechtlich auf einer Insel zu Hause ist, auf der es weder eine funktionstüchtige Finanzaufsicht noch eine Steuerbehörde gibt. Diese aufsichtsfreien Inseln müssen ausgetrocknet werden, man muss ihnen die Luft abdrehen! Es ist doch kein Zufall, dass die Mehrheit der 9000 Investmentfonds, die es auf der Welt gibt, juristisch gesehen auf einer dieser Finanzinseln zu Hause ist. Sie entziehen sich der Aufsicht und der Strafjustiz. Es ist eine Groteske, dass angesehene Banker große Finanzgeschäfte mit solchen Inseln in der Karibik machen!

Wird eine solche weltweite Aufsicht der Finanzmärkte wirklich zustande kommen? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht sehr groß. Die Amerikaner werden sich dagegen wehren, ebenso die Engländer. Maggie Thatcher kann wiederauferstehen und dem englischen Volke klarmachen, man solle die Märkte in Ruhe lassen. Deshalb kann ich selbst in der jetzigen Krise die Chancen nicht sehr optimistisch beurteilen. Gleichwohl muss der Versuch unternommen werden. Denn wenn gar nichts geschieht, könnte die schwerste Bankenkrise seit 1929 doch noch, wie in den dreißiger Jahren, in eine Weltkrise münden. Das steht auf dem Spiel.