Jeden Mittag trifft er sich mit den Bereichsleitern in einem holzgetäfelten Raum zum Essen; Konferenzen, die bis zu fünf Stunden dauern können. Er ist ihnen ein unbeständiger Boss: "Ich behalte mir das Recht vor, meine Meinung zu ändern, wann immer ich will!" Er verpflichtet sie sich durch Geschenke, Autos, Häuser, die er ihnen bei mangelndem Wohlverhalten allerdings wieder entzieht. Indes scheut sich Ford, persönlich zu tadeln; Strafen, Entlassungen gar, müssen andere exekutieren. Sein eigenes Büro meidet er, man findet ihn immer in denen bevorzugter Mitarbeiter: "Hier kann ich jederzeit weggehen!"

Er ist abergläubisch, hat Angst vor Freitag, dem 13., schwarzen Katzen, Spiegelscherben, er glaubt an eine Wiedergeburt und wird, wie könnte es anders sein?, mit dem Alter bigott. Er liebt Jagdausflüge, Picknicks und Squaredance, Erinnerungen an die "guten alten Zeiten" auf dem Land. Dem Multimillionär noch stopft Ehefrau Clara die Socken, die er dann doch wegwirft; heimlich muss ein Angestellter ihm neue kaufen. Eine größere Spende will er die Presse nicht wissen lassen, denn so käme alle Welt angelaufen und sein häuslicher Friede wäre dahin. Heftige Eifersucht plagt ihn, auch auf enge Freunde, sogar auf die Familie seines Sohnes Edsel, dem er einmal während dessen Abwesenheit die Champagner- und Whiskyvorräte vernichtet. Von paranoidem Hass getrieben, verfasst er Schmähschriften gegen Gewerkschaften, Börsenspekulanten und "den internationalen Juden", was ihn aber nicht daran hindert, Mitarbeiter jüdischer Konfession auf wichtige Posten zu befördern. Ständig trägt er eine Waffe, er ist ein exzellenter Pistolenschütze. Selber ohne formale Bildung, reagiert er extrem empfindlich, wenn er seine Intelligenz angezweifelt wähnt. Universitätsdiplome gelten ihm wenig.

Anderer Leute Meinung über ihn interessiere ihn nicht, behauptet er kühl, doch sucht er sie gleichwohl zu manipulieren: "Wenn Sie einen Dollar in ihr Unternehmen stecken wollen, so müssen Sie einen weiteren bereithalten, um das bekannt zu machen!" In früheren Jahren hat er sogar Rennwagen gebaut, um von sich reden zu machen: "Enten legen ihre Eier in Stille. Hühner gackern dabei wie verrückt. Was ist die Folge? Alle Welt isst Hühnereier." Gern lässt er sich fotografieren, im eleganten Anzug, auf Kornfeldern oder beim Füttern zahmer Hirsche.

Weniger harmlos ist seine dunkle Seite. Vom Kontrollzwang besessen, unterhält Henry Ford ein ausgedehntes Spitzelsystem, das sowohl sein Privat- wie sein Geschäftsleben überwachen soll. Konkurrenten schickt er Spione ins Werk. Bizarr bleibt auch sein Interesse an allem Kriminellen. Exsträflinge arbeiten in großer Zahl für ihn, und gierig forscht er sie über ihre Untaten aus. "Wenn irgendwo in Detroit ein falscher Scheck auftauchte, kam die Polizei zu uns", berichtete später Fords Flügeladjutant Harry Bennett. Der ehemalige Matrose und Boxer hat 1916 in New York gerade eine Straßenprügelei überstanden, als sie sich kennenlernen. Der Fabrikant ist fasziniert: "Können Sie schießen?" Bennett kann und wird der Mann fürs Grobe, Leiter des "Service Department", Fords Werkschutz und Spitzelbrigade. Da werden ehemalige Polizisten und stadtbekannte Gangster beschäftigt, die rasch zum Knüppel oder zur Pistole greifen.

Auch zu Detroits Unterwelt-Boss spinnt Ford seine Fäden, immer in Sorge vor Überfällen, Entführung und Erpressung, aber auch, um über alle dunklen Geschichten der Stadt auf dem Laufenden zu bleiben. Der Mann heißt Chester LaMare, ein dunkelhäutiger Sizilianer. LaMare erhält eine Ford-Vertretung, die umgehend zum Hauptquartier seiner Bande wird.

"Als Mr. Ford mich zu seinem Agenten für die Beziehungen zur Unterwelt machte", erzählte Bennett seinem Biografen Paul Marcus, "gab er mir einen Job, der mich einige Male beinahe das Leben kostete." Die Presse nennt Bennett, der sich Tiger und Löwen hält, "Amerikas berühmtesten Gangster im Dienst einer Firma".

Und was für eine Firma! Die Ford Motor Company betreibt 35 Niederlassungen in den USA, 31 davon sind reine Montagewerke. Sie besitzt riesige Wälder, Bergwerke, Schiffe, Eisenbahnen, Zulieferbetriebe, auf 24.000 Quadratkilometern Kautschukpflanzungen in Brasilien und unterhält Niederlassungen in 17 Ländern. Die gute Tin Lizzy ist inzwischen ein ganz klein bisschen luxuriöser geworden. Sie hat jetzt elektrisches Licht, Scheibenwischer und Anlasser, es gab auch kosmetische Retuschen. Und doch: Am 26. Mai 1927 ist Schluss mit dem Modell T. Noch ist jeder zweite Wagen in den USA ein Ford, aber die Autos der Konkurrenz sind inzwischen schneller, bequemer, eleganter – und ihre höheren Preise werden bezahlt. Henry Ford schließt seine Fabrik für einige Monate und beginnt, wie schon einmal in seinen frühen Jahren, mit einem Modell A. Auch dieses Auto wird ein Erfolg.