In Deutschland war es früher Nachmittag, als am Montag in Berlin, Frankfurt, London, Rom, Ottawa, Paris und Tokyo die Telefone klingelten. Am Apparat war Henry Paulson, der Chef des amerikanischen Schatzamts. Das Gespräch dauerte fast eine Dreiviertelstunde.

Per Schaltkonferenz warb Paulson bei den Finanzministern und Notenbankchefs der führenden Industrienationen für seinen neuen Plan. Nun werde er alles tun, um das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Ob man ihm dabei helfe? Der Amerikaner holte sich eine Abfuhr ab. Eine Beteiligung komme nicht infrage.

Es sieht so aus, als müsse Henry Paulson seine Probleme allein lösen. Die sind gewaltig. Schneller denn je frisst sich die Finanzkrise in den USA durch den Kreditsektor, zehren die Verluste die Kapitaldecke der Banken auf. An der Wall Street regiert die Angst, keine Bank traut mehr einer anderen. Von den einst fünf großen Investmenthäusern ist keins mehr übrig. Selbst Goldman Sachs, die lange von Paulson geführte Kathedrale des schnellen Geldes, verwandelt sich in eine normale Geschäftsbank – mit größeren Sicherheiten und kleineren Gewinnen.

Die Finanzhäuser stecken so tief im Schlamassel, dass die Adern verstopft sind, die Unternehmen und Verbraucher mit Geld versorgen. Es gibt kaum noch neuen Kredit. Das bremst die Konjunktur, und damit drohen neue Ausfälle – ein Teufelskreis.

Diese Abwärtsspirale will Paulson stoppen. Deshalb wird in Washington die größte staatliche Rettungsaktion aller Zeiten vorbereitet. Geht alles gut, könnte die Finanzkrise gemildert werden. Wenn nicht, droht den USA ein tiefer Fall. "Die Amerikaner haben nur noch diesen einen Schuss frei", sagt ein deutscher Banker. "Er muss sitzen."

Es schlägt die Stunde des Staates. In der Großen Depression der dreißiger Jahre entwickelte der Brite John Maynard Keynes seine Ideen, wonach der Staat den Märkten aktiv über Schwächephasen hinweghelfen müsse. Wenn der Kongress zustimmt, soll jetzt ein gigantischer öffentlicher Fonds die Banken stützen – für 700 Milliarden Dollar. Das Konzept: Der Fonds kauft den Geldinstituten verbriefte Immobilienkredite und andere Schrottpapiere ab, die im Zuge der Krise den Großteil ihres Wertes verloren und tiefe Löcher in die Bilanzen gerissen haben. Das toxische Material wird eingelagert, der Preisverfall gestoppt. Dann, so die Hoffnung, lässt die Panik nach, die Banken verleihen wieder Geld, die Adern wären frei, die hochflexible US-Wirtschaft könnte sich erholen.

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Für die Weltmacht ist es das letzte finanzielle Aufgebot: Zusammen mit den bisherigen Ausgaben der Regierung – zum Beispiel für die Rettung des größten US-Versicherers AIG – belaufen sich die Kosten für die Krise auf über 1.000 Milliarden Dollar. Das sind etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dieses Geld muss der Finanzminister im In- und Ausland aufnehmen, indem er an Investoren Anleihen ausgibt. Die Schulden müssen mit Zinsen zurückgezahlt werden. Das Geld wird fehlen für Investitionen in die maroden Schienen-, Strom- und Straßennetze oder in Schulen und Universitäten.