Eine Schule dreht den Spieß um

Rund hundert Fragen müssen die Schüler der 10a heute beantworten. Es geht um den Unterricht des vergangenen Jahres und um wichtige Zensuren. Manchmal schaut ein Schüler der Klasse vom Monitor auf, überlegt kurz, bevor er wieder klickt und tippt. Die Lehrer der 10a werden sehr aufmerksam lesen, was die Schüler im Computerraum des Fontane-Gymnasiums im brandenburgischen Rangsdorf schreiben. Aber sie werden keine Noten vergeben. Denn dieses Mal sind die Rollen vertauscht: Die Schüler bewerten ihre Lehrer. "Sie machen heute das große Schüler-Lehrer-Feedback", sagt Ditmar Friedrich, ihr Direktor.

Vor fünf Jahren hat sich Friedrich dem Ziel verschrieben, an seiner Schule "eine Feedback-Kultur zu leben". Der Pisa-Test und andere Schulstudien lenkten damals die Aufmerksamkeit auf den "Blackbox-Unterricht". Gemeinsam mit interessierten Eltern und Lehrern sammelte Friedrich Ideen: Woher wissen wir, was den Schülern missfällt? Wie können Lehrer regelmäßig eine Rückmeldung erhalten? Ein Instrument, das damals entstand, ist der anonyme Fragebogen am PC. 2004 wurde er das erste Mal eingesetzt. In diesem Schuljahr steht für alle Klassen am Fontane-Gymnasium der dritte Durchlauf an.

Die Klasse beschwert sich über unlesbare Tafelbilder, lobt aber auch

Wenn Christine Unger aus der 10a sich mit ihrem Passwort einloggt, reihen sich auf ihrem Bildschirm große Tabellen aneinander. Horizontal sind die Unterrichtsfächer mit den Lehrern angeordnet. Wenn die Schülerin nach unten scrollt, dann erscheinen 15 Fragen zu jedem Fach. Es geht um die Methodenvielfalt im Unterricht oder um die Arbeitsatmosphäre. "Der Lehrer unterrichtet verständlich und anschaulich", steht zum Beispiel dort. Oder: "Ich habe den Eindruck, dass wir Schüler vom Lehrer geachtet werden."

Dazwischen warten Dutzende Kästchen auf Christines Benotung. Die 15-Jährige vergibt viele Einsen und Zweien, aber auch ein paar Dreier und Vierer. Für jede Fragebatterie braucht sie eine Minute. "Wenn ich sofort entscheide, bin ich gerechter", sagt sie. Am Ende des Fragebogens können die Schüler für jeden Fachlehrer ein offenes Textfeld mit Kritik oder Tipps füllen. Die 10a beschwert sich über unlesbare Tafelbilder und zu viel Gruppenarbeit. Doch sie verteilt ebenso Lob. Ein Schüler schreibt seiner Französischlehrerin: "Weiter so! Je t’aime!"

Die Pädagogen am Fontane-Gymnasium hatten befürchtet, dass es weniger gesittet zugeht. Als das Kollegium vor vier Jahren beschloss, die Feedback-Instrumente einzuführen, waren die Meinungen geteilt. Einige Lehrer hatten Angst vor persönlichen Angriffen, andere vorm Totalverriss ihres Unterrichts. Wie man hilfreiche Kritik gibt, lernten die Jugendlichen deshalb in einem Workshop vor dem ersten Einsatz des Fragebogens. "Wir haben ihnen gesagt, dass es nichts bringt, wenn sie eine Lehrerin als Schlampe beschimpfen", sagt Ditmar Friedrich. Dann machten Pädagogen nur dicht und ließen sich auch auf berechtigte Beschwerden nicht mehr ein.

Bei manchem fließen die Tränen, aus Kummer und vor Glück

Eine Schule dreht den Spieß um

Das Schülerurteil muss zudem einen Filter passieren: Mitarbeiter des Vereins Democaris, der das Feedback zusammen mit der Schulleitung organisiert, sehen die Fragebögen durch und streichen Beleidigungen. Nur sie und der bewertete Lehrer können die Ergebnisse einsehen. Das sei wichtig, damit sich ein Kollegium überhaupt auf die Befragung einlasse, sagt Ditmar Friedrich. Auch er erhalte nur die Urteile, die seinen Unterricht betreffen. Die Software für das Feedback sei sicher wie ein Bankserver, damit die Schüler nicht das System hacken. Friedrich ging außerdem mit gutem Beispiel voran: Bevor das Schülerfeedback startete, ließ er die Schulleitung von den Lehrern beurteilen.

"Klar, man hat trotzdem Angst", sagt Kai Neynaber, Mathematik- und Physiklehrer am Fontane-Gymnasium. "Wie schneide ich ab? Und schaut die Schulleitung nicht doch die Antworten durch?" Dennoch sehe er das Feedback als Chance und wolle "nicht nur im eigenen Saft schmoren".

Die Ergebnisse kommen als großer Stapel Papier. Mitarbeiter von Democaris teilen Statistiken, Durchschnittszensuren und Kommentare an die Lehrer aus. Dann verlassen die Lehrer den Raum, um alles in Ruhe zu lesen und sich zu sammeln. Man zeige die Auswertung nicht unter den Kollegen herum wie aufgeregte Siebtklässler ihr Diktat, beschreibt Neynaber den Moment der Wahrheit. Ihm rieten die Schüler, mehr Experimente in die Stunden einzubauen. Seine Kollegin Angelika Franz merkte am Feedback, dass sie sich manchmal im Ton vergreife. "Wenn Schüler austeilen, mache ich auch einen Spruch." Das wirke zynisch, schrieb ihr die Klasse. Sie sei jetzt vorsichtiger, sagt die Französischlehrerin.

Mit den Ergebnissen dürfe man die Lehrer nicht allein lassen, warnt Ditmar Friedrich. Manche Kollegen seien geschockt, andere gleichgültig. Tränen fließen auch – aus Kummer und vor Glück. Der Direktor bietet Nachsorge an: Gespräche oder eine passende Fortbildung. Deshalb sei das Feedback-System an seiner Schule auch "das Gegenteil von Internetseiten wie Spickmich" (siehe Seite 85). Dort gehe es um die Person, nicht um die Sache. Das Onlineforum wolle öffentlich anprangern, nicht helfen – und verhärte so nur die Fronten.

Kai Neynaber und Angelika Franz kopieren ihr Feedback und eine Selbsteinschätzung, die sie zuvor abgeben mussten, auf Folien. Mit ihren Klassen gehen sie die Kritik durch. "Zahlen zu haben ist eine Sache, sie zu interpretieren eine andere", sagt Neynaber. Nicht alle Lehrer gehen so offen mit den Ergebnissen um. Zwar sei es für alle Pflicht, sich bewerten zu lassen, doch "was mit dem Feedback passiert, bleibt jedem selbst überlassen", sagt der Schulleiter Ditmar Friedrich. Etwa ein Viertel ihrer Lehrer diskutiere die Beurteilung in der Klasse, schätzt Christine Unger aus der 10a. Sie hoffe, dass es mehr werden, sonst frage sie sich schon: "Warum machen wir das alles eigentlich?" Vor allem die Lehrer, die "es am nötigsten hätten", schwiegen lieber über die Ergebnisse.

Immerhin: Dass es alle zwei Jahre eine große Umfrage am PC gibt, habe dazu geführt, dass die Lehrer inzwischen viele kleine Feedbacks in den Alltag einbauen: etwa eine Liste mit Plus- und Minuspunkten, die die Schüler am Ende der Stunde schreiben. An einigen Türen im Gebäude hängt eine "Feedback-Zielscheibe", die aussieht wie ein Dartbrett. Nur sind die einzelnen Teile nicht mit Punktzahlen beschriftet, sondern mit Zielen – beispielsweise dem Lernerfolg oder einem guten Arbeitsklima. Je näher die Schüler ihr Kreuz am Mittelpunkt machen, desto besser hat ihnen die Stunde gefallen. Früher habe sie sich nicht getraut, etwas zu kritisieren, sagt die Schülerin Tabea Zeuch, 15. "Heute gehe ich offener mit meiner Meinung um." Im Internetportal Spickmich ist keiner aus ihrer zehnten Klasse angemeldet.

Wenn Ditmar Friedrich Vorstellungsgespräche mit neuen Lehrern führt, weist er auf die besonderen Arbeitszeugnisse am Fontane-Gymnasium hin. "Die meisten Bewerber schlucken dann und bitten um Bedenkzeit." Abgelehnt habe die Stelle aber bislang niemand. Dennoch gebe es immer wieder Zoff im Kollegium. 90 Prozent der Lehrkräfte unterstützten das System voll, sagt Friedrich. Die anderen polterten in der Konferenz schon einmal los: "Was soll dieser Feedback-Scheiß?" Drei Lehrer ließen sich in den letzten Jahren an andere Schulen versetzen.

Eine Schule dreht den Spieß um

Lieber sei es ihm, wenn er Kollegen überzeugen könne, sagt Friedrich. Sonst schiebe man "die Problemfälle nur an andere Stellen im System". Etwa 20 andere Schulen sind bislang dem Rangsdorfer Modell gefolgt. Der weiteren Ausbreitung steht im Weg, dass die Schulen selbst Geld für die Feedback-Verfahren auftreiben müssen. Rund 3500 Euro kosten das PC-System, eine Elternumfrage und das Feedback für die Schulleitung zusammen.

Am Fontane-Gymnasium erfahren die Schüler auch selbst, wie hart es sein kann, von Schülern beurteilt zu werden. Sie losen jedes Jahr aus, wer einem Klassenkameraden ein Zeugnis über dessen Teamfähigkeit, Mitarbeit oder Toleranz ausstellt.