Die Mehrheit der benoteten Lehrer sieht in der Schülerbewertung eine Verletzung ihrer Persönlichkeits- und Datenschutzrechte. Eine Gymnasiallehrerin aus Nordrhein-Westfalen beschäftigt seit geraumer Zeit die Gerichte. Nachdem ihre Klage gegen das Internetportal beim Oberlandesgericht Köln eine Niederlage erlitten hat, hofft sie nun auf ein Grundsatzurteil vom Bundesgerichtshof. Ihre Anwälte begründen die Klage damit, dass aufgrund der Anonymität der Schüler die Lehrerin einer unkontrollierbaren Diffamierungsmöglichkeit ausgesetzt sei. Außerdem wisse man nicht, ob es tatsächlich Schüler seien, die die Noten vergäben, oder ob nicht gar ein Schüler mehrere Urteile pro Lehrer abgebe. "Damit sind derartige Bewertungen von vornherein wertlos."

Immerhin, gibt Marianne Demmer zu, habe Spickmich einen wichtigen Impuls gesetzt. Der GEW sei es leider nicht gelungen, einer sinnvollen Feedback-Kultur im Schulalltag zu solcher Popularität zu verhelfen.

"Die fehlende Rückmeldekultur an den Schulen ist ein klares Modernitätsdefizit", sagt der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart von der Universität Münster. "Aber historisch gesehen konnten sich Lehrer aufgrund ihrer besonderen Rolle, ihrer personenbezogenen Arbeit, stets recht gut davor schützen, von außen bewertet zu werden." Ein Lehrer, der die Klassentür hinter sich ins Schloss fallen lässt, gilt nicht als Sonderling, er entspricht an deutschen Schulen der Norm des unnahbaren Einzelkämpfers. Am "zellulären Dasein" des Lehrers, seiner abwehrenden Haltung gegenüber äußeren Einblicken und Eingriffen in die Autonomie und Magie seines Unterrichts hat sich auch acht Jahre nach den ersten Pisa-Ergebnissen nichts verändert. Ohne Transparenz aber fehlt von vornherein die Basis für konstruktive Kritik.

Nur wenige Lehrer lernen während ihrer Ausbildung, was es heißt, Schüler- und Elternmeinungen einzuholen, auszuwerten und darauf einzugehen. Wo Schulleitungen nicht darauf bestehen, Feedback-Systeme zu etablieren, wird der einzelne Lehrer vorzugsweise die Finger davon lassen. Kritik, Lob und Tadel bleiben damit in seiner Hand. Rückmeldungen von Schülern und Eltern gelten vielerorts als störend und unerwünscht. Schüler weiterführender Schulen, vor allem der Gymnasien, ertragen teilnahmslos das frontale Dozieren ihrer Lehrer, kündigen innerlich dem System Schule und sehnen nur noch den Abschluss herbei. Das Aufbegehren aber wagen sie nicht, aus Angst vor Nachteilen und schlechten Zensuren. Lehrer verteilen Lebenschancen – deshalb ziehen schließlich auch viele Eltern resigniert den Kopf ein, anstatt eine Erziehungspartnerschaft einzufordern, von der alle profitieren würden. In der von der ZEIT in Auftrag gegebenen Umfrage zum Image der Lehrer beklagen denn auch 41 Prozent der Befragten, dass deutsche Pädagogen nicht mit Kritik umgehen könnten. 63 Prozent der Befragten sind außerdem der Meinung, dass die Ausbildung der Lehrer nicht den Anforderungen entspreche. Und immerhin jeder vierte Deutsche bescheinigt den Lehrern eine weniger gute beziehungsweise schlechte Arbeit.

"Kritik kommt für Lehrer einer narzisstischen Kränkung gleich"

Doch anstatt sich in einen Dialog mit Schülern und Eltern zu begeben, bleiben viele Lehrer defensiv, ziehen die Mauern um sich herum noch höher – und reagieren auf jegliche Art von Rückmeldungen extrem dünnhäutig. "Anders als in anderen Berufen fehlen den Lehrern die Maßstäbe für ihre Leistung. Es gibt keine einheitlichen Standards für den Lehrerberuf", sagt Ulrich Herrmann, emeritierter Pädagogikprofessor aus Tübingen. Die Vorstellungen, was man von einem Lehrer erwarten darf und was nicht, gehen weit auseinander. Schon deshalb bieten Lehrer unzählig viele Angriffspunkte. Sie können für alles verantwortlich gemacht werden, weil die Grenzen für ihre Zuständigkeiten nie scharf gezogen werden können. Natürlich weiß jeder Lehrer, dass es unmöglich ist, allen Anforderungen perfekt zu genügen, aber ihre Unsicherheit verbietet es, darüber zu reden und Schwäche auch nur ansatzweise zu zeigen. "Lehrer haben eine Berufskrankheit, sie können nicht zugeben, dass sie etwas nicht können", sagt Herrmann. "Kritik kommt für sie einer narzisstischen Kränkung gleich."

Es ist die unterschwellige Angst, permanent versagen und scheitern zu können, die Lehrer in diese Haltung treibt. Jede einzelne Unterrichtsstunde ist ein Ringen um Anerkennung und gleicht einem riskanten Abenteuer. Aber anstatt mit Kollegen Teams zu bilden, Unterrichtseinheiten gemeinsam vorzubereiten, neue didaktische Formen zu versuchen oder ihre Schüler zu fragen, wie sie gerne lernen möchten, hängen die meisten Lehrer an ihrem Unterricht wie an einem Heiligtum, egal wie gelangweilt und abgestumpft die Klasse ihm folgt.

Ungeeignete Bewerber sollten rechtzeitig gewarnt werden

"Seit mindestens fünf Jahren wird intensiv versucht, eine Entwicklung und Änderung in den unterrichtlichen Routinen herbeizuführen", sagt Ewald Terhart. "Aber die Lehrer verhalten sich doch eher abwehrend und abwartend." Der Veränderungsdruck werde in den Lehrerzimmern zunehmend als Belastung empfunden. Und je mehr sich die Lehrerschaft gezwungen fühle, sich zu öffnen, umso mehr ziehe sie sich zurück, sagt Terhart.

Zum einen sehen sich viele Lehrer in bildungspolitischen Debatten zu Randfiguren degradiert, zum anderen mündet die Angst, den Erwartungshaltungen und Ansprüchen aus Politik, Wissenschaft und Elternhäusern nicht genügen zu können, in ein Gefühl heilloser Überforderung. Dabei wachsen die Rollenzuweisungen an Lehrer in dem Maße, in dem auch die gesellschaftlichen Probleme vielschichtiger werden.