Lehrer sollen Wissensvermittler, Erzieher und Lebensberater sein. Nebenbei wird von ihnen verlangt, Ganztagsschulen auf die Beine zu stellen, ihre Klassen in landesweiten Vergleichsarbeiten nicht zu blamieren, sie sollen ihre Besserwisserei ablegen, zu Lernbegleitern werden und das Selbstwertgefühl ihrer Schüler stärken.

Natürlich gibt es unter den rund 800000 Lehrern in Deutschland eine Vielzahl beseelter, fachlich fähiger, am Menschen und nicht nur an ihrem Fach interessierter Lehrer mit hohem pädagogischen Ethos. Dennoch schafft es eine Minderheit unmotivierter, unbegabter und überforderter Pädagogen, am Image eines ganzen Berufsstandes zu kratzen. Peter Meidinger weiß, dass er sich als Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes mit kritischen Aussagen über den Lehrerstand vorsehen sollte. Trotzdem sagt er: "Wir haben eine problematische Lehrerklientel. Zehn Prozent unserer Lehrer hätten diesen Beruf nie ergreifen dürfen." Lehrer, die gerne Macht über andere ausüben, selbst aber ängstlich und nicht kommunikativ sind, seien zwar Einzelfälle. "Aber wenn ein Schüler über acht Jahre mit diesem Menschen verbringt, kann das für ihn sehr prägend und quälend sein", sagt Meidinger.

Er plädiert dafür, Eignungstests in das Bewerbungsverfahren für ein Lehramtsstudium aufzunehmen. "Es muss eine Möglichkeit geben, jemanden rechtzeitig zu warnen: Du wirst 30 Jahre unglücklich sein, wenn du diesen Beruf ergreifst."

In vielen Bundesländern bleibt den Schulen kaum eine Wahl. 20000 Lehrer fehlen laut Philologenverband in Deutschland, in Bayern gibt es bereits eine Einstellungsquote von 100 Prozent. Für die Nichtskönner und Unmotivierten unter den angehenden Lehrern war es selten so einfach, sich eine lebenslange Beamtenstelle im deutschen Schuldienst zu sichern. Egal, wie viele Kinder, Mütter und Väter sie auf die Barrikaden oder in die Verzweiflung treiben werden.

Als die 17-jährige Schülerin Miriam Böhm vor zwei Jahren ihren Realschullehrer in Dortmund vor der versammelten Klasse für sein Verhalten kritisierte, wusste sie noch nicht, dass ihr dieser Moment den Weg aufs Gymnasium verbauen würde. Auch heute kann sie nur vermuten, dass es einen Zusammenhang zwischen ihrer Kritik und der schlechten Note gab, mit der ihr der Lehrer wenig später die Qualifikation für das Gymnasium verbaute. Die meisten ihrer Mitschüler trauen sich längst nicht mehr, sich gegen einen Lehrer aufzulehnen. "Es gibt eine Tendenz des Schweigens", sagt Miriam Böhm, die sich in der Bezirksschülervertretung Dortmund engagiert. Alles kreise um die Frage: Was wird aus mir, wo komme ich unter? Dass dieser Druck nicht selten von den Eltern mitaufgebaut wird, trägt nicht gerade zu einem couragierteren Verhalten der Kinder bei. "Zu Hause hören die Schüler: Vertrag dich mit deinem Lehrer. Es sind doch nur fünf oder sechs Jahre."

Für Gerlinde Unverzagt, die Autorin des Lehrerhasser -Buches , macht eine Schule, die Schülermeinungen mit Strafen und schlechten Noten sanktioniert, Kinder zu regelrechten "Duckmäusern". "Anstatt Widerständigkeit zu schulen, werden sie eingeschüchtert und solidarisieren sich nicht mehr." Vielen Eltern geht es ähnlich. Sie halten resigniert den Mund, weil sie "ebensolche Angst vor der Schule haben wie ihre Kinder". Edda Georgi von der Elternkammer Hamburg weiß, dass gerade an den Gymnasien der Hansestadt besonders kritischen Eltern schon einmal nahegelegt wird, nicht mehr als Elternvertreter zu arbeiten, weil sie für zu viel Unruhe sorgten. "Seit Jahren gibt es eine große Unzufriedenheit unter den Eltern, mit den Unterrichtsmethoden, den Umgangsformen, dem Verhältnis zu den Lehrern", sagt Georgi. "Aber anstatt Kritik zu üben, geben manche Eltern lieber 800 Euro im Monat für Nachhilfe aus."

Lehrer verteilen freiwillig Feedback-Bögen an ihre Schüler

Was es heißt, wenn sich ein Lehrerkollegium der Beurteilung durch eine unabhängige Schulinspektion stellen muss, hat Edda Georgi am Gymnasium ihrer Tochter vor einiger Zeit selbst erlebt. Der Bericht offenbarte schonungslos viele Schwachstellen, die auch die Elternvertreter seit Langem kritisierten. Die Schulleitung aber übte sich in ihren schriftlichen Kommentaren vor allem darin, "bestimmte Fehlwahrnehmungen der Inspektoren" zu korrigieren. Wenig Selbstkritik war da zu lesen.

An der Schule von Peter Meidinger gibt es inzwischen Feedback-Bögen, die die Lehrer auf freiwilliger Basis verwenden können. Der Schulleiter aber wird nie erfahren, was die Schüler über ihre Lehrer denken. Die haben den Rückmeldungen aus ihren Klassen nur unter der Bedingung zugestimmt, dass der Direktor die Auswertungen nicht zu sehen bekommt; schließlich erhalten Lehrer in Bayern regelmäßige Beurteilungen von ihren Vorgesetzten.