Was Lehrer krank macht

Eine warme Septembersonne scheint in Prien am Chiemsee, Schmetterlinge flattern durch die Luft, der See streitet mit dem bayerischen Himmel um das schönste Blau. Prien ist ein wunderbarer Ort, um Urlaub zu machen. Für viele ist Prien aber vor allem ein Zufluchtsort, ein Ort, um wieder zu sich zu kommen, sich nach einem Zusammenbruch langsam wieder aufbauen zu lassen. In der Klinik Roseneck, spezialisiert auf psychosomatische Krankheiten. Sucht man eine Antwort auf die Frage, was Lehrer krank macht, hier findet man Antworten.

Knapp 300 Lehrer kommen Jahr für Jahr in die Klinik. Die eine Hälfte aus Bayern, die andere aus der ganzen Republik. Es sind nicht nur Lehrer aus Problemschulen, Gymnasiallehrer sind genauso vertreten wie Grund- oder Hauptschullehrer. Die meisten sind um die fünfzig Jahre alt.

"Wer hierher kommt, hat meist schon eine achtjährige Leidenszeit hinter sich", sagt Andreas Hillert. So lange dauert es, bis die Patienten sich eingestehen, dass sie es allein nicht mehr schaffen. Hillert ist Psychiater, Psychotherapeut und Chefarzt an der Klinik Roseneck. Seit über einem Jahrzehnt hat er sich auf psychosomatisch erkrankte Lehrer spezialisiert.

Kleine Papierstapel bedecken den Schreibtisch in seinem Büro, nächste Woche hält er einen Vortrag zum Thema Lehrergesundheit, er druckt die Unterlagen dafür aus. Auf einer Folie sind Diagnosen aufgelistet. Depressive Störungen: 60,9 Prozent. Angststörungen: 11,6 Prozent. Tinnitus: 4,3 Prozent. Die Liste ist noch länger. Von dem gängigen Begriff Burn-out, unter dem allgemeine Erschöpfungszustände zusammengefasst werden, hält Hillert nicht viel: Das sei keine Diagnose, viel zu schwammig.

Was macht die Lehrer krank, Dr. Hillert? Hillert erzählt. Von Lehrern, die sich seit Jahren angegriffen fühlen von Schülern, von Eltern, von Kollegen. Die mit dem Rücken zur Wand stehen und, oft das Schlimmste für sie, von ihrem Schulleiter nicht unterstützt werden. Er erzählt von Situationen, die den Betroffenen den Rest gegeben haben. Da ist die Lehrerin einer Münchner Brennpunktschule, in deren Klasse ein Schüler aufstand, die Hosen runterließ und anfing zu onanieren.

Da ist die Grundschullehrerin, bei der Eltern Sturm gelaufen sind, weil sie keine Empfehlung fürs Gymnasium ausgestellt hatte. Und deren Schulleiter den Eltern sagte: Jaja, mit der gab es schon immer Probleme. "Die Rolle des Schulleiters spielt bei vielen Patienten eine zentrale Rolle", sagt Hillert.

So auch bei dem Lehrer, der im Flur auf Hillert wartet. Nennen wir ihn Müller. Er unterrichtet an einer Berufsschule. Es ging ihm gut, bis ein neuer Schulleiter kam. Der vermutet hinter jedem Projekt, das nicht nach Dienst nach Vorschrift aussieht, eine Profilierungssucht des engagierten Lehrers. Deswegen sei er mit seinem Vorgesetzten aneinandergeraten, erzählt Müller. Der sorgte daraufhin dafür, dass er andere Klassen unterrichten muss. Er hat nun Schüler, die in Haupt- und Sonderschulen versagt haben, die ein Programm durchlaufen, das sich "Eingliederung in die Berufs- und Arbeitswelt" nennt. Schüler, die sich aufgegeben haben. Die im Unterricht machen, was sie wollen. Schüler, von denen Müller sagt, man habe nach einem Jahr viel erreicht, wenn sie sich fürs Zuspätkommen entschuldigen. "Was einen dabei fertigmacht, ist die eigene Ohnmacht", sagt Müller.

Was Lehrer krank macht

Er fühlte sich erschöpft, rief seine Freunde nicht mehr an, hatte keine Freude mehr am Leben. Er vergaß plötzlich viele Dinge, hatte "richtige Aussetzer". Da ging er zum Amtsarzt.

In Roseneck absolviert er ein Programm, das "Arbeit und Gesundheit im Lehrerberuf" (Agil) heißt. In acht Gruppensitzungen sollen die Lehrer lernen, Stressfaktoren zu erkennen, wie sie mit Stress besser umgehen können, wie sie sich besser erholen können. Ziel ist die Rückkehr in den Beruf.

Um herauszufinden, was Lehrer krank macht, vergleicht Hillert in Studien, die er gemeinsam mit Kollegen der Universität Marburg und der TU München durchführt, gesunde mit kranken Lehrern. Fragt man nach Gründen für die Berufswahl, dem Engagement oder dem Ehrgeiz, ergeben sich keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Mangelnde Anerkennung führt bei vielen zu einer permanenten Kränkung

Was sich bei erkrankten Lehrern aber feststellen lässt, ist etwas, was Hillert "unkonkreten Idealismus" nennt. Viele wollen stets beliebt, immer gerecht und objektiv sein. Sie streben nach Perfektionismus, der in der Realität unerreichbar ist.

"Entscheidend ist weniger die Belastung, die von außen kommt", sagt Hillert, "entscheidend ist, wie die Einzelnen mit der Belastung umgehen." Besonders gefährdet sind die, die sich völlig verausgaben, und die, die resignieren, sich zurückziehen.

Und es gibt noch einen Punkt, der Lehrer verwundbarer macht als Angehörige anderer Berufsgruppen. Er hat mit Wertschätzung zu tun, sagt Stefan Koch, Psychotherapeut und Kollege Hillerts an der Klinik Roseneck. Koch erklärt es anhand eines sogenannten Gratifikationskrisenmodells. Es sollte eine Balance geben zwischen dem, was man in seine Arbeit hineinsteckt, und dem, was man herausbekommt an Belohnung. Diese Belohnung lässt sich festmachen an Beförderung, am Gehalt oder eben an Wertschätzung. Weil für Beförderung und Gehalt im Schulsystem nur wenig Spielraum ist, spielt für Lehrer der Faktor Wertschätzung eine viel größere Rolle. Und gerade an der mangelt es oft.

Was Lehrer krank macht

Oft müssen sie in der Öffentlichkeit als Sündenböcke herhalten, werden als faule Säcke gebrandmarkt, die lange Ferien und ansonsten morgens recht und nachmittags frei haben.

Die mangelnde Anerkennung führt bei vielen zu einer permanenten Kränkung. Auch wenn diese Missachtung manchmal mehr gefühlt zu sein scheint als tatsächlich vorhanden, wie die aktuelle ZEIT- Umfrage (siehe Grafiken S. 85) zeigt.

Erschwerend hinzu kommt, dass Lehrer nie gelernt hätten, mit Kritik umzugehen, sagt Hillert. Weder in der Ausbildung noch im Beruf. "Es gibt in den Schulen keine Kultur des Sich-konstruktiv-auf-die-Finger-schauen-Lassens." Gibt es Kritik, dann läuft es darauf hinaus, einen fertigzumachen, so die Wahrnehmung der Lehrer. "Schule wird so zum pathologischen System", sagt Hillert. Ein System, aus dem sich viele nur durch Flucht retten. 75 Prozent der Lehrer scheiden vorzeitig aus dem Berufsleben aus, die meisten davon krankheitsbedingt. Dass man sich diesen Burn-out aber auch leisten können muss, zeigen Statistiken: So nimmt die Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen leicht, aber stetig ab, seit an den Pensionen gekürzt wurde.