Fünfzigtausend Opfer, das klingt nach vielen. Aber China ist das Land der großen Zahlen, und es nicht selbstverständlich, dass sich die Führung von einem Unglück dieses Ausmaßes beeindrucken lässt. Insofern ist es eine gute Nachricht, dass die 50.000 Kinder, die durch den Genuss schadstoffhaltiger Milch erkrankt sind, die Parteispitze zu einem Geständnis gezwungen haben. "Die aktuellen Unglücke haben uns eine schmerzliche Lektion erteilt", sagt Präsident Hu Jintao. Nur welche?

Inzwischen sind fast 40.000 Kinder nach ambulanter Behandlung wieder zu Hause. Doch lagen am Dienstag noch immer 13.000 in chinesischen Krankenhäusern. Und vier Säuglinge sind bereits gestorben. Ärzte waren ratlos, viele Eltern sind nun sehr wütend.

Ihre Kinder bekommen die Folgen eines Lebensmittelskandals zu spüren, der seit Langem bekannt ist. Milchhersteller strecken ihre Produkte und fügen, um Kontrolleure irrezuführen, den Schadstoff Melamin hinzu, der in simplen Testverfahren den Proteingehalt einer Probe höher erscheinen lässt, als er tatsächlich ist. Melamin verursacht Nierenschäden. Ein Großteil der chinesischen Molkereiindustrie ist in den Skandal verwickelt, zehn Prozent der Produktion sind betroffen.

2006 war bekannt geworden, dass für den Export bestimmtes Tierfutter mit der Melamin-Methode gestreckt worden war. Obwohl auch der jüngste Skandal der Kontrollbehörde längst gemeldet war, hatte sie ihn die gesamten Olympischen Spiele über vertuscht. Erst Ende August hatte ein mutiger Lokalredakteur den Fall ins Rollen gebracht, nachdem sich schon Wochen zuvor Bürger auf der Website des Qualitätskontrollamtes in Peking beschwert hatten.

Nicht private Verbraucherschutzorganisationen, sondern Mitarbeiter einer staatlichen Behörde sind in China für Kontrollen zuständig. Doch sie haben völlig versagt. Ihr Scheitern erschüttert auch die Regierung. Das Vertrauen, das Premierminister Wen Jiabao während des Erdbebens im Frühjahr aufbauen konnte und das sich während der Olympischen Spiele festigte, bröckelt nun. Die Folgen für die Legitimität der Regierung sind nicht abzusehen, noch ist unklar, ob es reicht, dass einige Verantwortliche verhaftet wurden und der Chef des nationalen Qualitätskontrollamtes Li Zhangjiang gefeuert wurde.

Sind wirklich nur ein paar Funktionäre für die Misere verantwortlich? Handelt es sich also um menschliches Versagen in einem ansonsten funktionierenden System?

Die Schwäche Chinas, die sich in all der Skrupellosigkeit und Schlamperei offenbart, ist umfassender: Die chinesischen Institutionen sind der Geschwindigkeit des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht gewachsen. Ist es schlichtweg nicht möglich, in dem Rausch des Booms verlässliche Institutionen zu etablieren, die den Belastungen gewachsen sind? Oder ist es vielmehr eine Frage der Prioritäten, die die Regierung setzt? Denn sie kann ja, wenn sie will. Sie lässt in kürzester Zeit Autobahnen und beeindruckende Flugplätze bauen, an Geld mangelt es ihr nicht. Doch besteht ein Unterschied zwischen dem Straßenbau und dem Aufbau von Behörden. Infrastruktur basiert auf guter Organisation, die mit quasimilitärischer Ordnung hergestellt werden kann. Gute Behörden jedoch sind auf Menschen angewiesen, die Weisungen ausführen und trotzdem im richtigen Augenblick Unabhängigkeit zeigen. In China können die Menschen das eine besser als das andere.