Um den Irrsinn zu verstehen, sagt Félicien, müsse man die Steine wenigstens einmal in der Hand gehabt haben. Er läuft hinein ins Gedränge des Marktes, sein kahler, verschwitzter Schädel wippt wie eine Leuchtboje zwischen den Marktfrauen, die Seife, Eier, Maniokpaste und Zuckerrohr anbieten. Rechts hinter dem Delikatessenstand – geröstete Schlangen und Raupen – hantieren die Diamantenhändler mit Waage, Pinzette und Taschenrechner. Ihre Füße stecken im Dreck, ihre Köpfe sind über glitzernde Krümel gebeugt. "Los, zeig ihr was", sagt Félicien zu einem mürrischen Kerl mit dem Bauch eines Sumo-Ringers. Der Riese kippt ein Häuflein auf den Tisch, pickt mit Pinzette und erstaunlich flinken Wurstfingern die braun gefärbten Steine heraus und schiebt die weißen herüber.

"32 Karat", sagt er lässig. "Na, wie fühlt sich das an?" Seltsam billig fühlt es sich an. Wie seifige Glasperlen.

Diamant. Das Wort stammt vom griechischen adámas , "unbezwingbar". Kein anderes Mineral hat eine so harte Kristallstruktur. Mit Diamanten schneidet man Glas und Beton, bohrt nach Öl, formt Werkzeuge, schleift andere Rohdiamanten zu Juwelen. Tief unter den Füßen des Dicken und der Marktfrauen liegen einige der größten Diamantenfelder der Welt. Darüber hat sich die Stadt Mbuji Mayi ausgebreitet, eine der ärmsten Städte der Welt, mit zwei, vielleicht drei Millionen Menschen, die alle vom großen Stein, vom großen Geld träumen. Fast alle. Félicien sieht die Sache etwas nüchterner.

Félicien Mbikayi, 41 Jahre alt, ein kleiner Mann mit Kugelbauch, spiegelglattem Schädel und phlegmatischer Stimme, hat vier Kinder zu ernähren und geht wie die meisten Kongolesen mehreren Beschäftigungen nach. Unter anderem ist er Mitbetreiber eines Internetcafés und Vorsitzender eines Vereins mit dem umständlichen Namen Groupe d’Appui Aux Exploitants de Ressources Naturelles, zu Deutsch "Gruppe zur Unterstützung von Förderern natürlicher Rohstoffe". Vor allem ist er ein wandelndes Lexikon, was das Geschäft mit Diamanten betrifft. Ohne Félicien käme eine weiße Ausländerin, die außer neugierigen Fragen nichts zu bieten hat, hier nicht weit. Nicht in Mbuji Mayi, das seit seiner Gründung nichts anderes gewesen ist als die Privatschatulle von Kolonialherren, Diktatoren, Rebellenführern und Konzernen.

Mbuji Mayi liegt in der Provinz Ostkasai im tiefsten Hinterland des Kongo, gut tausend Kilometer östlich der Hauptstadt Kinshasa. "Ziegenwasser" bedeutet der Name der Stadt. Das ist ein hübscher Euphemismus für die glitzerndste Schatztruhe eines Landes, das überquillt von natürlichen Ressourcen und gleichzeitig wohl den Weltrekord in der Rubrik "Menschheitskatastrophen" hält: Hier entstand unter belgischer Herrschaft auf den Kautschukplantagen der erste moderne Gulag. Dann kamen drei Jahrzehnte Plünderung der Staatskassen durch Mobutu Sese Seko, ein kompletter Staatskollaps sowie sieben Jahre Krieg rund um die wichtigsten Rohstoffquellen, an dessen Folgen rund vier Millionen Menschen gestorben sind. Das müsse ja nicht ewig so weitergehen, sagt Félicien, der einen britischen Sinn für Untertreibung hat.

Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen tauchen in Mbuji Mayi nur selten auf; die Vereinten Nationen, die sich seit acht Jahren im Kongo am größten Hilfs- und Aufbauprojekt ihrer Geschichte versuchen, sind so gut wie nicht zu sehen. Bis vor Kurzem brauchte man eine Genehmigung diverser Ministerien in Kinshasa, um das Gebiet von Mbuji Mayi zu betreten. Heute reichen ein Ticket der kongolesischen Fluggesellschaft Hewa Bora und Ohrenstöpsel, um die seltsamen Motorengeräusche ihrer Passagiermaschinen zu ignorieren. Félicien hatte am Flughafen gewartet, schließlich kennt er die Uniformierten, die wie hungrige Kater die Koffer allein reisender Passagiere inspizieren und wieder und wieder 60 Dollar "Einreisegebühr" verlangen. Dann empfahl er das Moukasha als "ordentliches Hotel". 25 Dollar die Nacht inklusive zweier Eimer Wasser zum Waschen, regen Ameisenverkehrs sowie Wachschutzes durch einen Polizisten mit klappriger Kalaschnikow und einer Sonnenbrille, die von Karl Lagerfeld stammen könnte.

Die erste Nacht erlaubt wenig Schlaf. Weil es in Mbuji Mayi nur selten Strom gibt, wirft, wer es sich leisten kann, in der Dämmerung den Generator an. Zu diesem Brummton scheppert bis in die Morgenstunden Musik aus den Lautsprechern umliegender Bars. Wobei man sich Bars hier als Bretterverschläge mit grellbunten Reklameschildern der einheimischen Biermarken Primus und Skol vorstellen muss. Gegen 23 Uhr ertönen aus anderer Richtung mehrere Schüsse. "Das Übliche: Ärger auf einem der Diamantenfelder", sagt Félicien am nächsten Morgen und stopft zerfledderte Geldscheine in einen Papierkorb, der an der Petro-Mbu-Tankstelle mit ihrer windschiefen Zapfsäule als Kasse dient. 1200 kongolesische Franc kostet der Liter Benzin, umgerechnet drei Dollar. Das entspricht einem durchschnittlichen Wochenlohn.

In vierzig Meter Tiefe schürfen die Arbeiter mit bloßen Händen

Félicien manövriert den verbeulten Geländewagen, Leihgabe einer Kirchengemeinde, in Richtung Stadtgrenze – vorbei am von Pflanzen überwucherten Sportstadion, am rostzerfressenen Wasserkraftwerk und den verfallenen Werkanlagen der Miba, des halbstaatlichen Bergbaukonzerns. Um die Strommasten winden sich illegal gelegte Kabel, dahinter veröden Gärten und Steinpavillons, an deren Wänden schwarzer Schimmel blüht. Lehmhütten verschachteln sich mit Sperrholzwürfeln, die Schlaglochpisten fungieren gleichzeitig als Straßen, Märkte und Abwasserrinnen. Erweckungsprediger brüllen unter den Wellblechdächern ihrer Kirchen Heilsbotschaften heraus. An fast jeder Ecke hockt ein Diamantenhändler. Die Stadt Mbuji Mayi – das ist eine Kreuzung zwischen sowjetischer Industrieruine, brasilianischer Favela und riesigem Flohmarkt.

Ein Schlagbaum an der Flussbrücke markiert die Stadtgrenze. Polizisten kassieren eine "Ein- und Ausreisegebühr", einen Dollar pro Fahrzeug. Hinter ihnen erstreckt sich eine bizarre Landschaft: rotbraune Hügel, aufgeschüttet mit durchgesiebtem Sand und Geröll, daneben tiefe Krater. Mit Hacke und Schaufel graben die Schürfer, schleppen Säcke ans Flussufer, schütteln, knietief im Wasser, Sand durch ihre Siebe. Creuseurs nennt man sie, "Buddler". Um die 200.000 Diamantensucher wühlen sich rund um Mbuji Mayi durch die Erde, die Waghalsigsten trauen sich auf das Polygon, das ertragreichste Diamantenfeld in der Gegend. Das aber gehört der Miba. Zwischen Miba-Wachleuten und Schürfern ist ein kleiner Krieg ausgebrochen, der meist nachts gekämpft wird. Es gibt immer wieder Tote, meist aufseiten der Schürfer. Die Lage eskaliert, seit die suicidaires aufgetaucht sind, bewaffnete Gangs, die sowohl Schürfer als auch Miba-Männer angreifen. Nach offizieller Lesart handelt es sich bei den "Lebensmüden" um kriminelle Elemente, brutale Diamantenräuber. Félicien hat einen anderen Verdacht. In letzter Zeit trügen die suicidaires immer mehr und immer bessere Schnellfeuergewehre, während hochrangige Armeeoffiziere in Mbuji Mayi immer mehr und immer protzigere Autos führen. Man müsse schon blind sein, sagt er, um da keinen Zusammenhang zu sehen.

Außerhalb des Polygons wird weniger geschossen, hier stirbt man leiser. Théodore und Séraphin, zwei kleine, sehnige Männer in verschlammten Shorts und durchlöcherten T-Shirts, gehören zur Mannschaft des ersten Diamantenfeldes, an dem Félicien haltmacht. In der Hierarchie der Schürfer zählen sie zu den ganz harten Kerlen. Sie arbeiten nicht in den offenen Gruben, sondern in engen Stollen. Théodore und Séraphin haben ein mürbes Seil und einen bräunlichen Schlauch in die Tiefe gelassen. Daran hängt seit einigen Stunden das Leben ihres Kollegen Apollinaire, der in 40 Meter Tiefe mit bloßen Händen Erde in Säcke schaufelt. Zwischendurch saugt er aus dem Schlauch Sauerstoff, der mit einem stotternden Generator nach unten gepumpt wird.

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Majimbas nennen sie die Schächte, die tief unten durch kniehohe Tunnel miteinander verbunden sind. Der Boden ist sandig, immer wieder bringt Regen die Stollen zum Einsturz. Vor vier Monaten hat es Joseph erwischt, einen ihrer besten Schürfer, "weil er so klein und wendig war". Und wahrscheinlich nicht älter als 14, genau können sie sich an sein Alter nicht erinnern. Wir zählen ein Dutzend majimbas allein auf diesem Feld. Wie viele Tote tief unter der Erde zwischen den Diamanten liegen, weiß niemand. "Komm rauf, wir haben Besuch!", brüllt Théodore in den Stollen, rammt seine Fersen in den Sand und zieht mit seinen Kumpeln am Seil. Zehn Sekunden verstreichen, zwanzig, das Loch bleibt schwarz. Dann taucht ein winziger Lichtpunkt auf, schließlich der Umriss eines Kopfes, an dem eine Taschenlampe festgebunden ist. Appolinaire, lehmverkrustet, die Augen rot unterlaufen, starrt nach oben. "Das gibt’s nicht", krächzt er vergnügt, als würde ihm ein kaltes Bier gereicht. "Wo habt ihr denn die Weiße her?"