Wochenlang haben sich die Beamten in Berlin das Treiben angeschaut. Versicherungsmakler und Bankberater rührten die Werbetrommel für spezielle Lebensversicherungen, die eigens als Hülle für Anlagedepots konstruiert werden sollten. Damit könnten Anleger ganz legal die Abgeltungsteuer umgehen. Denn die Auszahlungen aus dem Policendepot würden anders als normale Aktiengewinne nur zur Hälfte besteuert. Ende August machten die Ministerialen den kreativen Steueroptimierern einen Strich durch die Rechnung: Laut einem internen Schreiben sollen nur "echte" Lebensversicherungen in den Genuss des Steuerprivilegs kommen.

So geht das seit Monaten. Während Finanzminister Peer Steinbrück die Abgeltungsteuer als Beispiel für eine Vereinfachung des Steuersystems preist, als "einfach, transparent und gerecht", während die Presse von einer der radikalsten Steuerreformen in der Geschichte des Landes berichtet, von der ersten echten "Flat Tax", bei der alle dasselbe zahlen, wird das Regelwerk durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Allerorten spekulieren Fachleute über Wege, die neue Abgabe zu umgehen. Kaum haben Ministerialbeamte per internem Schreiben, das dann flugs an die Öffentlichkeit dringt, eine Gesetzeslücke gestopft, bohren Steuerberater mit neuen Sparkonstruktionen nach. Zwar haben die Referenten des Bundesfinanzministeriums schon im April im Entwurf für das Jahressteuergesetz 2009 die Umrisse der Pauschalsteuer skizziert. Und eigentlich muss der Entwurf nur noch durch Bundestag und Bundesrat. Aber im Detail wird kräftig daran herumgeschraubt. Zurzeit etwa kämpfen Lobbyisten dafür, Fondssparpläne doch noch von der neuen Einheitssteuer auszunehmen.

Einfach, transparent und gerecht ist nur noch die Idee einer Quellensteuer, die im deutschen Steuerrecht einer Revolution gleichgekommen wäre. Wirklichkeit werden wohl nur noch ihre Grundzüge. So fallen zum 1. Januar 2009 Freibeträge, Spekulationsfristen und Zinsabschlagsteuer weg. Dann wird auch keine Einkommensteuer mehr auf Kapitalerträge fällig. Stattdessen verlangt der Staat für jede Art von Kapitalrendite eine pauschale Steuer von 25 Prozent. Inklusive Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer werden die Banken dem Fiskus rund 28 Prozent der Zinsen, Dividenden und Kursgewinne ihrer Kunden überweisen. Statt ihres Freibetrags für Zinseinkünfte erhalten Sparer einen Sparerpauschbetrag: 801 Euro pro Jahr für Singles, 1.602 Euro für Ehepaare. Die bisher gültige 512-Euro-Freigrenze für Spekulationsgewinne entfällt ebenso wie die Spekulationsfrist. Wer Wertpapiere mindestens ein Jahr besitzt, sie mit Gewinn verkauft, darf diesen behalten. Künftig muss er davon ein Viertel an den Staat abführen. Nur wer noch 2008 kauft, darf sie nach Ablauf der alten Frist steuerfrei veräußern. Schmerzlich für Anleger mit großen Vermögen: Auch der Werbungskostenabzug entfällt. Lediglich Lebens- und Rentenversicherungen sollen nicht der Abgeltungsteuer unterliegen und auch nicht Gewinne aus dem Verkauf von Immobilien oder Edelmetallen.

Allein diese Umstellung verändert das deutsche Steuersystem wie keine Reform zuvor. Doch schon weil Dividenden in diesem Entwurf auch künftig ähnlich hoch belastet werden wie bisher, regt sich der Widerstand der Lobbyisten. "Man könnte meinen, die Regierung habe bewusst das Ziel verfolgt, die Aktie zu benachteiligen", sagt Max Dietrich von Kley, Präsident des Deutschen Aktien-Instituts. Nicht nur dass die Spekulationsfrist wegfällt. Auch bei der Definition von Gewinn würden Aktien gegenüber Zinseinkünften benachteiligt. Weil das Finanzamt für jede Steuer eine Bemessungsgrundlage braucht, ziehen die Banken von den Renditen einer Anlage die Verluste aus demselben Zeitraum ab – und zwar quer über alle Anlageformen. Der Gewinn aus der Anleihe sinkt durch den Verlust im Aktienfonds. Nur bei Aktien nicht. Hier dürfen die Gewinne nur mit Verlusten verrechnet werden, die ebenfalls aus Aktiengeschäften stammen. "Aktionäre stellen sich deutlich schlechter", sagt der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber.

Wer hingegen einen Großteil seines Kapitaleinkommens aus Zinsen beziehe, stehe nach der Reform besser da, sagt Dieter Ondracek, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft. Derzeit fließen 30 Prozent der Zinsen als Vorauszahlung ans Finanzamt. Und wer 42 Prozent Spitzensteuersatz oder 45 Prozent Reichensteuer zahlt, muss seine Zinseinkünfte bisher noch mit diesem vollen Satz versteuern.

Angesichts der Ungleichbehandlung von Aktien- und Zinseinkünften fallen die Ratschläge von Anlageprofis radikal aus. "Für Anleger mit einem hohen Einkommensteuersatz bietet es sich an, Zinserträge in das Jahr 2009 zu verschieben", sagt Vermögensverwalterin Britt Niggemann vom Institut für Wirtschaftsberatung. 2008 sollten sie noch möglichst viel Geld in Aktien oder Aktienfonds umschichten und in den kommenden Jahren festverzinsliche Papiere dazukaufen, bis wieder die gewünschte Mischung erreicht ist. "Kursgewinne sollten sie dabei möglichst weit in die Zukunft verschieben", sagt Vermögensverwalterin Niggemann.

Das erklärt auch den Boom von Dachfonds, bei denen das Geld der Anleger in Fonds investiert wird: Sollte der Dachfonds Gewinne erwirtschaften, müssen Anleger die neue Steuer am Ende zwar auch bezahlen. Schichtet der Dachfondsmanager allerdings das Depot zwischendurch um, bleiben die Gewinne aus diesen Transaktionen steuerfrei. Lebensversicherungen wiederum sind zumindest teilweise begünstigt: Wer Leistungen aus den Policen frühestens zwölf Jahre nach Vertragsabschluss einstreicht, muss nur die Hälfte seines Einkommensteuersatzes auf die Gewinne abführen.