Eine Urlaubssperre haben sie bei der Commerzbank für den Jahreswechsel zwar noch nicht verhängt. Aber gelassen klingt es nicht, wenn Christian Machts erzählt, dass "wir schon jetzt personelle Ressourcen blocken, falls wir händisch nacharbeiten müssen". Machts leitet bei der Commerzbank die Produktentwicklung und den Vertrieb im Wertpapierbereich – und redet nicht etwa über die Integration der Dresdner Bank, die kürzlich von der Commerzbank übernommen wurde, sondern darüber, wie es ist, eine Bank auf die Abgeltungsteuer vorzubereiten.

Seine Sorgen teilt er mit vielen Kollegen: Rund 100 Tage vor dem Start der neuen Steuer ringt die Branche noch immer mit dem Gesetzgeber um die Details. Und solange das Jahressteuergesetz für das kommende Jahr nicht verabschiedet ist, weiß niemand so genau, was ab dem 1. Januar 2009 wie zu behandeln ist. "Solange müssen wir unterschiedliche Abläufe vorbereiten", sagt Machts. "Wir hoffen aber, dass in den kommenden vier bis fünf Wochen alle offenen Punkte geklärt sind."

Bis die Software steht, müssen sich manche Banken per Fax behelfen

Je länger das Gesetzesvorhaben dauert, umso schwieriger wird die Arbeit für die Finanzdienstleister. Denn für die beginnt mit der Quellensteuer eine neue Ära, weil diese nun mal dort abgezogen wird, wo sie entsteht – vor allem bei Banken und Fondsgesellschaften. Die müssen die Kapitalertragsteuer künftig einbehalten und direkt an das Finanzamt abführen. Das wiederum ist mit jeder Menge neuer IT-Schnittstellen, umständlicher Meldeverfahren und lästigen Formularen verbunden – die für den Datenaustausch zwischen Steuerbehörden und Kreditinstituten notwendig sind.

Überträgt zum Beispiel ein Kunde sein Depot auf eine neue Bank, muss diese für jede Aktie und jeden Fonds Kaufdatum und Kaufkurs erfassen, will sie später die Steuern korrekt bestimmen. Zudem sind bei der alten Bank womöglich Verluste aufgelaufen, die sich mit späteren Verkaufsgewinnen verrechnen lassen. Auch diese Daten muss die neue Bank bekommen. Nur "an den elektronischen Verfahren wird noch gearbeitet", sagt Ulrich Herbst, fachlicher Programmleiter für die Abgeltungsteuer bei der Postbank. Bis die Software steht, müssen manche Banken sich per Fax behelfen.

Für Anleger hingegen hat die Mehrarbeit der Banken sogar Vorteile. Bekommen sie etwa nach einem Aktienverkauf Gewinne auf ihr Depot überwiesen, ist die Steuer schon verrechnet und abgegolten. Die Steuererklärung sollte damit eigentlich ohne die Anlage KAP – für private Einkünfte aus Kapitalvermögen – auskommen. Soweit die Theorie. Doch hat das Formular in der Praxis weiter seine Berechtigung. Fusionieren beispielsweise zwei Unternehmen, werden in der Regel irgendwann die Aktien eines Partners vom Markt genommen und gegen Aktien des anderen getauscht. Steuerrechtlich entsteht dabei häufig ein Vorteil, also ein steuerpflichtiger Gewinn. Ab dem kommenden Jahr müssen die Banken diesen Zwischengewinn nicht mehr nur für ihre Kunden einschätzen, damit diese ihre Steuererklärung korrekt ausfüllen. Auch müssen sie die Abgeltungsteuer darauf direkt abführen. Weil beim Aktientausch aber in der Regel kein Geld fließt, müssen Aktienbesitzer künftig nach Fusionen Bargeld an ihre Bank überweisen, um ihre Steuerschulden zu begleichen.

Ähnliches droht bei Kapitalerhöhungen oder Aktiensplits. Und damit nicht genug: Schon heute ist es für Banken schwer zu erkennen, ob im Einzelfall tatsächlich ein steuerpflichtiger Gewinn entsteht und wie hoch dieser eigentlich zu bewerten ist. Gerade bei Fusionen im Ausland, die sich nicht ums hiesige Steuerrecht scheren, ist das nahezu unmöglich. "Hier hat der Gesetzgeber zwar den Banken zugestanden, dass sie im Zweifel von einem steuerneutralen Vorgang ausgehen dürfen", sagt Wolfgang Skorpel, Steuerexperte vom Bundesverband deutscher Banken. Dafür müssen Anleger diese Transaktionen doch wieder in ihrer eigenen Steuererklärung angeben. "Wer eine Aktie zehn Jahre im Depot hat, wird in der Regel mindestens eine solche Maßnahme durchlaufen", sagt Skorpel. Das sei völlig unnötig. Denn am Ende, also beim Aktienverkauf, schöpfe der Staat ja ohnehin den gesamten steuerlichen Gewinn ab. Was nach dem neuen Verfahren wiederum zu einem Verrechnungswust führt, da frühere Zwischensteuern selbstverständlich wieder auf diesen Betrag angerechnet werden können. Erst seit Mitte August wissen die Banken durch ein Schreiben des Finanzministeriums, dass der Abzugskelch in diesen Fällen an ihnen vorübergeht – zu Lasten ihrer Kunden.