Nie ist ein neues Feld der Medizin so rasch aus hoher Euphorie in tiefe Depression gestürzt. Vor 15 Jahren versprach die Gentherapie bald eine Vielzahl unheilbarer Leiden zu kurieren. Inzwischen erscheint das Feld selbst als moribund. Die Genmediziner haben Fehlschläge in Serie produziert. Statt zu nachweisbaren Erfolgen führte die Therapie bei manchen Patienten zu Krebs, bei einigen wirkte sie sogar tödlich.

Doch die Grabreden auf die Gentherapie erweisen sich nun als voreilig. Ausgerechnet bei erblichen und zur Erblindung führenden Leiden der Netzhaut, in einem hochsensiblen und komplexen Gewebe also, scheint sich das Blatt zu wenden.

Nach ersten hoffnungsvollen Befunden britischer Augenärzte berichten jetzt US-Mediziner von "robusten Verbesserungen" bei zwei Patienten mit Leberscher kongenitaler Amaurose (Erblindung). Die Funktion der behandelten kleinen Netzhautareale habe sich um das 50-Fache bei Tageslicht und das 63000-Fache bei Dunkelheit erhöht – "eine dramatische Erholung", schreiben die Mediziner im Fachblatt PNAS.

Gesundet sind die Augen der Patienten jedoch nicht. Bis die Gentherapeuten Menschen wirklich vor der Erblindung retten können, ist noch viel Forschung nötig. Doch der Erfolg der amerikanischen Ärzte zeigt: Die Gentherapie steht vor einer Renaissance, zumindest auf einigen Gebieten der Medizin. Die einst versprochene Wunderkur für alle Leiden wird sie auch in Zukunft nie werden.