Ganz unmerklich hat sich das Unheil über Alexander M. und Hans-Joachim G. zusammengebraut. Nach dem Tod ihres Opfers Robert Syrokowski vor fast sechs Jahren hatten sie noch allen Grund, zu hoffen, dass sie davonkommen könnten. Doch in der vergangener Woche holte das Schicksal die beiden Ratzeburger Polizeibeamten ein: An diesem Tag verurteilte das Landgericht Kiel den 46-jährigen Alexander M. wegen Aussetzung einer hilflosen Person mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Die Strafe wurde zwar zur Bewährung ausgesetzt, für einen Polizeibeamten jedoch bedeutet ein solcher Schuldspruch das Ende seiner Laufbahn. Am Tag, an dem das Urteil rechtskräftig wird, ist M. aus dem Staatsdienst entlassen, und seine Pensionsansprüche erlöschen. M.s Untergebenen, den 59-jährigen Hans-Joachim G., bestraften die Richter wegen fahrlässiger Tötung mit neun Monaten Gefängnis auf Bewährung. G. wird wohl im Staatsdienst bleiben, weil seine Freiheitsstrafe unter einem Jahr ist.

Nach den Feststellungen des Gerichts verlässt Robert Syrokowski in der Nacht zum 1. Dezember 2002 eine abgelegene Landdiskothek allein, leicht bekleidet und volltrunken. Auf der Straße bricht der 18-Jährige zusammen. Eine Zivilstreife findet ihn und ruft einen Rettungswagen. Robert erholt sich rasch, kann adäquate Angaben machen und bleibt nach Abrücken aller Einsatzfahrzeuge erneut allein auf der Straße zurück. Gegen vier Uhr klingelt er wildfremde Leute heraus und beunruhigt sie mit der Behauptung, in ihrem Haus zu wohnen. Weil die Leute glauben, einen Drogenberauschten vor sich zu haben, rufen sie die Polizei. Nun rücken die erfahrenen Streifenbeamten Alexander M. und Hans-Joachim G. an und nehmen den Unruhestifter im Dienstfahrzeug mit – angeblich zum "Ausnüchtern". Dazu kommt es nicht, vielmehr lassen sie den Gymnasiasten zehn Kilometer weiter an einer unbewohnten Landstraße, außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs auf Lübecker Stadtgebiet, stehen und fahren davon. Der orientierungslose Junge setzt sich nach Verlassen des Einsatzwagens bei einer Temperatur von vier Grad mitten auf die finstere Landstraße, wo er bald darauf von einem VW Golf erfasst und sofort getötet wird. An diesem schrecklichen Ende sind – so sehen es die Richter – die beiden Polizisten schuld.

In der Kieler Hauptverhandlung erklärten die Angeklagten, sie hätten vom vorhergehenden Polizeieinsatz nichts gewusst und das Ausmaß von Roberts Alkoholisierung nicht erkannt. Dass er meinte, in einem fremden Haus zu wohnen, hätten sie für einen Scherz gehalten. Sie hätten den Gymnasiasten nach Hause fahren wollen, weil der aber unbedingt auf halber Strecke habe aussteigen und ein Taxi nehmen wollen, hätten sie ihn abgesetzt – alles andere wäre Freiheitsberaubung gewesen.

Diese fürsorgliche Version haben die Richter nicht geglaubt, nicht zuletzt deshalb, weil M. und G. ihrer Einsatzzentrale die Nachtfahrt mit Robert Syrokowski verheimlicht haben. Das Gericht ist vielmehr davon überzeugt, dass M. und G. sehr wohl Kenntnis davon hatten, dass Robert kurz zuvor schon einmal einen Polizeieinsatz verursacht hatte. Sie wussten außerdem, dass Robert alkoholisiert und dünn bekleidet war. Der Junge habe den Einsatzwagen alles andere als freiwillig verlassen, zumal er kaum mehr als einen Euro in der Tasche hatte. Die Polizisten hätten ihn ausgesetzt, um einen Störer los zu sein. "Sie haben ihn in jene Lage versetzt, die zu seinem Tode führte", sagt der Vorsitzende bei der Urteilsverkündung.

Die Eltern des Toten nehmen als Nebenkläger am Prozess teil. Immer wieder muss die Mutter ihre Tränen hinter einer großen Sonnenbrille verbergen. Für die Eheleute Syrokowski ist der Schuldspruch eine späte Genugtuung, denn jahrelang hatte es nicht so ausgesehen, als ob die Beamten für ihr Handeln jemals zur Rechenschaft gezogen würden.

Die zuständige Staatsanwaltschaft Lübeck hatte nämlich zunächst keinen Grund gesehen, Roberts Todesumstände aufzuklären. Man gab sich mit den Angaben der Beamten zufrieden und bezeichnete Roberts Tod als "schicksalhafte Verkettung unglücklicher Umstände". Verantwortlich sei niemand. Das Verfahren wurde zweimal eingestellt. Zweimal musste der Lübecker Rechtsanwalt Klaus Nentwig das schleswig-holsteinische Oberlandesgericht anrufen, um die Fortsetzung der Ermittlungen und schließlich die Erhebung der Anklage wegen Aussetzung mit Todesfolge vor dem Landgericht Lübeck zu erzwingen. Im Frühling 2007, mehr als vier Jahre nach Roberts Tod, kam es dort zu einer ersten Hauptverhandlung. Damals kämpfte die Staatsanwaltschaft Lübeck für die Freisprechung der Angeklagten. Trotzdem verurteilten die Lübecker Richter die zwei Polizeibeamten – allerdings nicht wegen Aussetzung mit Todesfolge, sondern nur wegen des Vergehens der fahrlässigen Tötung zu einer Bewährungsstrafe von jeweils neun Monaten.

Doch die Beamten wollten freigesprochen werden, sie legten Revision ein. Sie wussten die Staatsanwaltschaft Lübeck an ihrer Seite. Deshalb zogen nun auch Roberts Eltern – die eigentlich nicht mehr hatten weiterkämpfen wollen – nach und legten ihrerseits Revision gegen das Urteil ein: Sie beanstandeten, dass das Landgericht Lübeck die Beamten nicht wegen Aussetzung mit Todesfolge verurteilt hatte.