Nichts ist so verführerisch wie die Erinnerung. Doch in der Politik kann die Erinnerung gefährlich sein, lebensgefährlich sogar. Die SPD hat das erfahren, als sie vor einigen Jahren in Nordrhein-Westfalen die Macht verlor. So stolz waren die Sozialdemokraten dort auf ihre vergangenen Verdienste, so gerne lauschten sie den Anekdoten von Johannes Rau, dass sie viel zu spät merkten, wie ihnen die Gegenwart den Boden unter den Füßen wegzog.

Der CSU könnte es in Bayern nun ähnlich ergehen.

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Knapp 9,3 Millionen Bürger sind aufgerufen, einen neuen Landtag für die nächsten fünf Jahre zu wählen. Der seit 1966 allein regierenden CSU droht nach Umfragen der Absturz unter die 50-Prozent-Marke. Möglicherweise wird sie auf einen Koalitionspartner angewiesen sein.

Denn die Wahl, der die CSU entgegenzittert, markiert schon jetzt eine Zäsur. Wann hat man die Partei, die stets "oberhalb ihrer Gewichtsklasse boxte" ( S piegel), jemals so klein und angstzerfressen erlebt wie in den vergangenen Wochen? Selbst wenn sie am Ende doch noch über die 50-Prozent-Marke krabbelt – diese Angst wird die CSU so schnell nicht wieder vergessen. Und erst recht nicht wird sie vergessen, wer in ihren Augen hierfür verantwortlich ist: Erwin Huber und Günther Beckstein.

An dieser Stelle kommt die Erinnerung ins Spiel. Sie trägt den Namen Edmund Stoiber und ist mit einem Mal in der CSU wieder sehr gegenwärtig. Nicht einmal zwei Jahre sind seit dem Sturz des Alten vergangen, doch nun stehen die Putschisten bereit, um in Wolfratshausen Abbitte zu leisten. Denn: Mit Stoiber wär’ das nicht passiert! Davon sind die meisten Christsozialen überzeugt. Und weil die Erinnerung allein noch keinen Ausweg weist, schicken sie einen zweiten Stoßseufzer gleich hinterher: Mit Horst Seehofer wird uns das nicht noch einmal passieren! Wirklich nicht?

Stoiber-Renaissance, Huber-Dämmerung, Seehofer ante portas: Die Sehnsucht in der CSU ist groß nach einem starken Mann – und nach vergangener Stärke. So groß, dass sie vergessen hat, mit welchen Argumenten sie Stoiber aus der Staatskanzlei hinauskomplimentiert hatte – und warum sie sich noch vor einem Jahr ausdrücklich gegen Horst Seehofer als Parteichef entschied. Der eine war ihnen peinlich geworden, seit er in Berlin gekniffen hatte, der andere galt als großer Egomane. Vor allem aber ist die Sehnsucht so groß, dass sich die CSU die entscheidenden Fragen gar nicht stellt: Woher rührt ihre Angst? Und welche Lehren zieht sie aus den vergangenen Wochen?