Giganten unter sich: Das Francis-Bacon-Porträt aus der Hand von Lucian Freud wird am 19. Oktober versteigert"Ich würde mir wünschen, dass meine Porträts von den Menschen handeln und nicht davon, wie sie aussehen"

"Francis Bacon" von Lucian Freud, 1956/57

Obwohl die beiden wohl bedeutendsten britischen Maler des 20. Jahrhunderts sich 47 Jahre lang kannten, malte der eine den anderen nur zweimal – jeweils als Kopfporträt und mit gesenkten Augenlidern, einmal auf Leinwand, einmal auf Kupfer. Eines dieser beiden Freundschaftsbilder in intim kleinem Format wird Christie’s nun am 19. Oktober in London versteigern – und damit auch Erinnerungen an jenes andere Gemälde wecken, das seit 20 Jahren spurlos verschwunden ist.

Lucian Freud und der 13 Jahre ältere Francis Bacon hatten sich 1945 kennengelernt und schnell angefreundet. Während aber Freuds Gesicht danach auf zahlreichen Bacon-Bildern zu finden ist, malte Freud Bacon nur zweimal. Nicht viel größer als eine Postkarte ist das erste, fast monochrome Kopfbildnis von 1951. Bacons Gesicht, schrieb der amerikanische Kunstkritiker Robert Hughes, sehe darauf aus "wie eine Handgranate, die jeden Moment losgehen kann". Für eine Freud-Retrospektive, die die Neue Nationalgalerie in Berlin im Frühsommer 1988 zeigte, wurde die kleine gerahmte Kupfertafel sorgfältig mit Schrauben an der Wand gesichert. Trotzdem gelang es einem Unbekannten kurz nach der Eröffnung, das Bild zu stehlen.

Als das Gemälde drei Jahre später immer noch nicht wieder aufgetaucht war, erinnerte sich der deutschstämmige Lucian Freud daran, wie er als Kind Emil und die Detektive gelesen hatte, und daran, dass in Kästners Kinderbuch Steckbriefe einen Dieb dingfest zu machen halfen, die plötzlich über Nacht überall in Berlin an Litfasssäulen hingen. Also machte sich der Künstler daran, selbst ein Fahndungsplakat für das verschwundene Bildnis seines toten Freundes zu entwerfen. "Wanted" ließ Freud in großen roten Buchstaben über das Bacon-Porträt setzen. "Für Hinweise, die zur Wiedererlangung dieses kleinen Gemäldes führen", verkündete der Text darunter, "ist eine Belohnung von bis zu DM 300000 ausgesetzt." Gedruckt wurden 2500 Exemplare auf hochwertigem dünnem Karton, plakatiert ganz offiziell auf dafür vorgesehenen Litfasssäulen und Plakatwänden. Trotzdem ist das Bild bis heute verschwunden geblieben.

Was seine Beute wert ist, wird der Dieb am Abend des 19. Oktober wissen. Christie’s gibt den Schätzpreis für das zweite, 1956/57 entstandene Freud-Bacon-Porträt mit 6,2 bis 8,7 Millionen Euro an. Deutlich preiswerter wird nach wie vor das Fahndungsposter von 2001 angeboten, das selbst zum konzeptuellen Kunstwerk und zum gesuchten Sammlerobjekt geworden ist. Das Internet-Auktionshaus eBay bietet seinen Steckbrief inzwischen für 1500 Euro an. Stefan Koldehoff

Lucian Freud, der 1922 in Berlin geborene Enkel von Sigmund Freud, ist mit Bacon der wichtigste britische Künstler seit 1945