Sommer 2009. Das Sauerland. In der stickigen Luft der Stadthalle Brilon tritt der Gründungsparteitag der neuen politischen Gruppierung "Die Konservativen" in seine entscheidende Phase. Der designierte Vorsitzende Friedrich Merz hat in seiner Heimatstadt leichtes Spiel. Denn diejenigen, die ihm dort bei seiner Wahlrede zujubeln, sind größtenteils alte Weggefährten. Es sind verbitterte Ex-Christdemokraten, die sich enttäuscht von der CDU abgewandt haben. Sie klagen, dass sich "ihre" Partei unter der Führung von Kanzlerin Angela Merkel fast bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. "Das können und wollen wir uns nicht länger bieten lassen", sagt Merz im dezenten wie kontrollierten Ton des stillen Agitators. Und Roland Koch, Jörg Schönbohm, Hartmut Möllring und die übrigen abgewanderten Patrioten, die neben Merz auf dem Podium sitzen, nicken zustimmend. Da das NPD-Verbot vor Kurzem im zweiten Anlauf geglückt war, dienen "Die Konservativen" zudem als Auffangbecken für die Gemäßigteren unter den bisherigen Rechtsaußen-Wählern. Das beschert ihnen ein Stimmenpotenzial von addiert rund 12 bis 14 Prozent.

Trotz aller Mahnungen zur Geschlossenheit an ihren ehemals rechten Flügel, muss Kanzlerin Merkel mit ansehen, wie Teile ihrer bisherigen Parteifreunde und Wählerschaft über Nacht wegbrechen. Die einst so stolze CDU erreicht in der Sonntagsfrage von Infratest dimap plötzlich nur noch 25 Prozent. Ein historisches Allzeit-Tief. Die politische Konkurrenz spricht ihr daraufhin den Status der "Volkspartei" ab. Und die Bundestagswahl naht. Willkommen im Sechs-Parteien-Parlament Deutschlands – dem Land der unbegrenzten Koalitions-Möglichkeiten.

Nur ein Szenario. Doch die CDU-Führung sollte sich im Klaren darüber sein, dass sie schneller, als ihr lieb ist, zur "SPD von morgen" werden könnte…

Thomas Richter, Duisburg