Respekt vor der Lebensleistung von Helmut Schmidt. Kein anderer Politiker versteht es wie er, komplexe wirtschaftliche und kulturelle Zusammenhänge zu erläutern. Nun, gegen Ende seines Lebens hat er aufgeschrieben, wie die Geschichte seines Lebens mit dem Glauben verlaufen ist. Seine Darstellung macht deutlich, wie er sich immer mehr vom Christentum und dem Glauben an Gott distanziert hat. Das zeigt mir, dass er neuen Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossen und der Zukunft zugewandt ist.

Überrascht hat mich seine Aussage, er bleibe in der Kirche, weil sie gegen den moralischen Verfall in unserer Gesellschaft Halt gebe. Ist es nicht eher umgekehrt? Die demokratische Gesellschaft hat sich seit der Aufklärung in Bezug auf die Menschenwürde und persönliche Freiheit mehr und mehr stabilisiert.

Kirchen haben dazu, wenn überhaupt, nur einen geringen Beitrag geleistet. Bischof Huber hat in seinem Beitrag Wenn Atheisten zu Propheten werden (ZEIT Nr. 35) in Rätseln gesprochen: "Wir gewinnen durch Religion Zugang zum inneren Sinn der Schöpfung." Kann Helmut Schmidt damit etwas anfangen? Schwer, sich das vorzustellen. Einen moralischen Verfall dieser Gesellschaft reden die Kirchen herbei, um ihren Institutionen eine Berechtigung zu geben, die sie weitgehend verloren haben.

Helmut Schmidt dagegen hat in seiner Regierungszeit und danach glaubwürdig, intelligent und weitsichtig gehandelt. Vielen Dank, ich wünsche ihm noch viele Jahre.

Hermann Goldkamp Braunschweig

Man wundert sich, dass ein so intelligenter Mensch wie Helmut Schmidt, der sich seit seiner Jugend vielseitig weitergebildet hat und dessen auf Informiertheit basierendes rationales Urteil viele schätzen, was Christentum und Gott betrifft bei derart primitiven Vorstellungen aus einem schlechten Konfirmationsunterricht stehen blieb und sich nie gründlicher informiert hat.

Im russischen Schlamm steckend, die unausweichliche Katastrophe vor Augen, habe ihm auf seine Zweifel am Krieg und an der Vernunft des Führers ein Soldat seiner Batterie, ein junger Theologe, "mit zwei christlichen Weisheiten zum ersten Mal einen wirklichen Zugang zum Christentum" eröffnet. Man ist voller Erwartung und liest enttäuscht: Erstens: "Seid untertan der Obrigkeit, denn die Obrigkeit ist von Gott" (umstrittener Satz des Paulus; Sophie Scholl hielt sich lieber an Jesus und an Apostelgeschichte 5,29: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen"), und zweitens: "Vergessen Sie nicht, es geschieht nichts ohne Gottes Willen." Schlimm!