Es ist falsch, von einer Krise des Kapitalismus zu sprechen oder gar der Marktwirtschaft – es ist eine Krise des Finanzsystems." Dieser Satz fand sich zufälligerweise in der Süddeutschen Zeitung, er stand so oder ähnlich jedoch in fast allen europäischen Blättern. Denn dieser Satz ist das Mantra, mit dem man sich diesseits des Atlantiks zu beruhigen sucht. Deutsche Politiker fügen gern hinzu: Eine Krise des amerikanischen Finanzsystems, schließlich haben wir bei uns das Prinzip der Universalbanken, also der Geldinstitute, die alle Arten von Geschäften machen, nicht bloß verrückte Investments. Na, wenn das alles ist, dann ist ja nicht viel.

Möglicherweise liest jene IG Metallerin, die diese Woche vom ZDF befragt wurde, die falschen Zeitungen, vielleicht hat sie per Zufall keine einzige der unzähligen Äußerungen des Finanzministers Steinbrück gehört. Jedenfalls begründete sie die achtprozentige Lohnforderung ihrer Gewerkschaft nun ungerührt mit den 700 Milliarden Dollar, die zurzeit an der Wall Street verbrannt werden. Wo so viel Geld ist, muss auch für uns etwas da sein.

Nun ließe sich ihre Argumentation leicht widerlegen. Man könnte sagen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, ganz Mutige könnten sogar noch weiter gehen und behaupten, die Finanz- und Konjunkturkrise mache jetzt erst recht Lohnzurückhaltung notwendig. Allerdings wäre es derzeit komplett aussichtslos, so zu reden, das Hohnlachen der Mehrheit nicht nur der Gewerkschaftskollegen, sondern der Bundesbürger insgesamt wäre zu schallend.

Das Mantra von der isolierten Finanzkrise im fernen Amerika kann schon deshalb nicht beruhigen, weil es zumeist von jenen gemurmelt wird, die genau dieses ferne Amerika jahrelang als Vorbild für das ökonomisch "rückständige" Deutschland gepriesen haben. Zudem ist das Mantra auch noch falsch. Denn von der Wall Street kam in den vergangenen Jahren nicht bloß viel frisches, heißes Geld auf den Weltmarkt, dort wurden auch die global wirksamen Maßstäbe gesetzt. Etwa für Managergehälter. Zehn Millionen Euro im Jahr waren plötzlich auch bei uns nicht mehr viel. Das hat die ökonomischen und, wenn es schiefging, auch die moralischen Bilanzen der Unternehmen schwer belastet.

Noch selbstzerstörerischer für die Legitimation der Marktwirtschaft waren die von den USA ausgehenden Gewinnmargen, die auch deutschen Unternehmen abverlangt wurden. Zwanzig Prozent Rendite schienen cool und realistisch zu sein. Belegschaften und Unternehmer, die "nur" zehn Prozent Gewinn erwirtschafteten, meinten plötzlich, sich dafür schämen zu müssen. Sich für Leistung schämen – nichts untergräbt ein System mehr als das.

Letztlich geht es allerdings nicht nur um Ökonomie, sondern um Werte und Leidenschaften, die weiter reichen und die vom zu großen Geld bedroht sind. Vom Profitstreben, von der Gier, von der jetzt überall die Rede ist, aber auch von der Protzerei globalisierter Neureicher. Nehmen wir ein scheinbar harmloses Beispiel: Fußball.