Die Frage: Angela ist 32 Jahre alt, lebt in Berlin und ist sehr hübsch. Leider hat sie deshalb noch kein Glück mit ihren Beziehungen. Sie lässt sich stets mit Männern ein, die entweder fest liiert sind oder sich als bindungsunfähige Egoisten erweisen. Wenn sich ihre Affären zwischen ihr und der Freundin entscheiden müssen, scheuen sie stets davor zurück, die Partnerin für Angela zu verlassen. Bei Männern, die ungebunden sind, hat sie nicht viel mehr Erfolg. Anfangs ist Angela sehr verliebt, aber dann hat sie das Gefühl, dass es ihren Partnern gar nicht um sie geht, dass sie nicht bereit sind, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, dass es den Männern meistens sogar nur um unverbindlichen Sex geht. Egal, wie sie es anstellt, am Ende bleibt sie als die Verlassene, Verletzte zurück. Dabei wünscht sie sich nichts mehr als eine wirkliche Beziehung. Aber eine Beziehung ist für sie etwas Abstraktes. Sie kann sich gar nicht vorstellen, wie das wäre, eine echte Beziehung, sagt Angela.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ein klassischer Fall von Angst vor Nähe. Zwar leidet Angela darunter, dass ihre Beziehungen schief gehen, aber auf einer anderen Ebene ist sie stets die Gewinnerin. Solange die anderen die Fehler machen, ist sie eigentlich perfekt: die Frau, die niemanden betrügt, die nicht selbstsüchtig ist, die leider nur den Richtigen nicht findet. Angela bleibt das Opfer der Umstände. Das entbindet sie davon, sich Gedanken darüber zu machen, was sie vermeidet: Einer Beziehung standzuhalten, in der sie abhängig werden könnte, einen Mann deshalb zu lieben, weil er sie liebt, nicht weil er irgendwelchen Ansprüchen an Mr Right genügt. Kann sie mit jemandem eine Zukunft planen, vielleicht sogar eine Familie gründen? Kann Sie Ansprüchen genügen, die jemand hat, der ernsthafte Erwartungen an seine Partnerin richtet? So traurig das ist: Für Angela wäre es wohl das größere Risiko, einen Mann zu treffen, der sie gut behandelt.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.

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