Milch, Brot und Früchte sind Sinnbilder gesunder Ernährung. Bereits die Bibel sah das gelobte Land dort, "wo Milch und Honig fließen", im fruchtreichen Garten Eden. Heute leben wir in einem historisch einmaligen Ernährungsparadies, mit vielfältigem Angebot an Milchprodukten, Brot-, Back-, Teigwaren und verführerischen Früchten aus aller Welt. Doch die paradiesische Kost bereitet uns Probleme: Eine wachsende Schar verträgt sie nicht mehr.

Viele Millionen Menschen leiden hierzulande an Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien, andere an überempfindlichen, schwer erklärlichen Reaktionen aus dem Bauch, dem Reizdarm. Hunderttausende sind geplagt von gefährlichen Darmentzündungen wie Zöliakie (ruiniert den Dünndarm), Colitis ulcerosa (den Dickdarm) oder Morbus Crohn (den ganzen Magen-Darm-Trakt).

Ursachen und Schweregrad umfassen ein weites Spektrum – die Leiden haben jedoch einen gemeinsamen zivilisatorischen Hintergrund: Vor hundert Jahren waren die meisten unbekannt oder selten. Heute gelten sie als Volkskrankheiten und sind Basis eines Milliardengeschäfts, an dem nicht nur seriöse Heiler, sondern auch Scharlatane verdienen. Was aber sind zeitgeistige Zipperlein, was Erkrankungen? Und was wissen die Magen-Darm-Spezialisten (Gastroenterologen), die sich nächste Woche auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten DGVS in Berlin treffen?

Die Schätzungen, wie viele von Verdauungsstörungen betroffen sind, klaffen auseinander. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund verkündete im Juli: "Die Fakten sind alarmierend. Pollenallergiker vertragen kein Obst mehr, Kinder reagieren auf Nüsse und Hühnereier allergisch, und 20 Millionen Menschen können weder Milch- noch Fruchtzucker optimal verdauen." Häufig seien "gesunde" Lebensmittel wie Milch oder frisches Obst Auslöser der Beschwerden, die sich als Blähungen, Durchfall, Hautausschlag oder Asthma bemerkbar machten.

Noch höhere Zahlen nennen die Vereine für Unabhängige Gesundheitsberatung: "Etwa jeder Fünfte hierzulande leidet an einer Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker, und jeder Dritte hat Probleme mit der Verdauung von Fruchtzucker."

Somit hadert vermutlich fast die Hälfte der Bevölkerung mit Milchzucker (Laktose) oder Fruchtzucker (Fruktose) – oder gleich mit beiden Übeltätern. Da diese Zucker billige Stoffe zur Verfeinerung von Speisen sind, tauchen sie in vielen Süßigkeiten auf: in Schokolade, Eis, Gummibärchen, aber auch in Wurst oder Kochschinken. Und Honig besteht hauptsächlich aus Fruchtzucker.

Die Liste potenziell unverträglicher Nahrungsbestandteile ist lang. So schlägt den meisten Menschen der Zuckeralkohol Sorbit (auch: Sorbitol) auf den Magen. Sorbit, eng verwandt mit der Glukose, kommt besonders in Trockenfrüchten und in Kernobst wie Birnen oder Pflaumen vor. Schon die Oma warnte, nicht zu viel davon zu essen, sonst drohten Durchfall und Bauchweh. Heute gelangt Sorbit als Feuchthaltemittel und Zuckerersatzstoff in Süßigkeiten, Kaugummis und Diätlebensmittel.

Nach Angaben von Gesundheitsberatern reagiert rund ein Prozent der Bevölkerung empfindlich auf Histamin – mit Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Herzrhythmusstörungen oder Asthmaanfällen. Histamin kommt vermehrt in gereiften und vergorenen Produkten wie Käse, Salami oder Sauerkraut vor. Und im Rotwein.