Der Schnellzug Brüssel–Paris braucht heute kaum mehr als eine Stunde. Vor 20 Jahren dauerte es noch verdammt lange. In Paris, vor allem in Kulturkreisen, wurde früher viel über die Belgier gelacht. Zum Beispiel über den megalomanen Brüsseler Symbolisten Antoine Wiertz, der im 19. Jahrhundert behauptete: »Paris ist die Provinz, Brüssel … die Hauptstadt!«

Inzwischen werden die belgischen Choreografen, Theatermacher und vor allem die belgischen Modedesigner in Paris sehr bewundert. Wer hätte auch gedacht, dass in den achtziger Jahren ein Belgier, der Limburger Flame Martin Margiela, als 30-Jähriger die Mode in ihren Grundfesten erschüttern würde, und das auch noch in Paris, dem Mekka der Mode?

Heute ist Martin Margiela 51 und für die Modewelt der Hohepriester der Avantgarde. Seine Bedeutung erkennen selbst berühmte Kollegen wie Marc Jacobs an, der dem mächtigen Industrieblatt Womens Daily Wear sagte: »Jeder ist beeinflusst von Comme des Garçons und Martin Margiela. Jeder, der sich bewusst ist, was es bedeutet, in der heutigen Welt zu leben, ist von ihm beeinflusst.«

Margielas Arbeitsplatz befindet sich in der Rue Saint-Maur in Paris, nicht weit von der Place de la République: ein labyrinthisches Bauwerk, das ursprünglich ein Kloster und Waisenhaus, später eine Schule für industrielle Gestaltung war. Es bietet beinahe 80 Mitarbeitern verschiedenster Nationalitäten Platz, die in den Showrooms, den Ateliers, den Archiven und der Verwaltung arbeiten.

Von außen ist das Gebäude kein bisschen verändert. Innen jedoch ist alles weiß angemalt. Einzig ein paar Schultafeln haben ihre schwarze Farbe behalten. Im Treppenhaus stehen gebrauchte Möbel, teilweise oder komplett weiß gestrichen. Überall im Gebäude findet man weiße Dinge, gekennzeichnet durch Buchstaben, Zahlen und Symbole, Scheren zum Beispiel. Alte Schneiderpuppen stehen herum. Einige der alten Flügeltüren sind unter fotografischen Reproduktionen von wieder anderen Türen verborgen, Trompe-l’Œils. Erinnerungen an frühere Arbeitsplätze.

Für Martin Margiela steht die Farbe Weiß für »die Stärke der Verletzlichkeit und vor allem der Verletzlichkeit von Zeit. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr Spuren bleiben auf dem Weiß zurück«, heißt es in einer Veröffentlichung des Modehauses. Auch die Läden von Maison Martin Margiela unterwerfen sich dem weißen Regime. Sie spielen mit den Konventionen der Darbietung, der Reproduktion und Verpackung von Luxuswaren. Sie sind gewissermaßen Antiläden, die nur indirekt auf die eigentlichen Verkaufsgegenstände verweisen.

Was macht Margielas Entwürfe aus? Ähnlich wie die japanische Modeschöpferin Rei Kawakubo von Comme des Garçons interessiert Martin Margiela sich für le faux vieux, bewusst und künstlich gealterte Kleidungsstücke. Seine Silhouette ist radikal grafisch und asymmetrisch, seine Methode dekonstruktivistisch. Auch die Geschichte von Bekleidung nimmt Margiela in seinen Entwürfen auf. Er macht sogenannte Replikas von alten Kleidungsstücken: Oft nimmt er verschiedene Teile auseinander und setzt sie zu völlig neuen Kreationen zusammen, einige sogar in Form von tragbaren fotografischen Abzügen.