Das Unglück tauchte plötzlich auf, als Schatten im Kindskopf. Unscharf, dunkel und bedrohlich. Es verlangte nach einem Wort: Ja oder nein? Wollt ihr euer Kind, ganz gleich, wie krank es sein wird?

Felix’ Eltern sagten Ja, Emils Eltern Nein.

Felix hatte rotblondes Haar und lebte fünf Tage. Emils Haar war schwarz und dicht. Er kam an einem Tag im Mai vor zwei Jahren tot auf die Welt.

Seine Eltern kleideten ihn in einen blauen Strampelanzug, 44er-Größe für Frühgeborene, Emil wirkte verloren darin. Sein Körper war zart, nur der Kopf groß, weich und verformt. Ein Hydrocephalus, ein Wasserkopf. Sein Vater küsste Emil zum Abschied, die Mutter drückte ihn an ihre Brust.

Drei Tage lang hatten Wehen ihren Körper geschüttelt, drei Tage lang hatte sie die Medikamente erbrochen, die ihre Wehen einleiten sollten. Maria Allers war erschöpft vom Pressen, aber ihr Körper hielt Emil fest, bis ein Seelsorger an ihr Bett trat. Atme ruhig aus, lass ihn gehen. Dann ließ sie Emil los, nach 28 Wochen in ihrem Körper. Emil, 1050 Gramm, 36 Zentimeter, ein Wunschkind, geboren am 24. Mai 2006, gestorben am 21. Mai 2006 durch eine Kaliumchloridspritze, im Bauch der Mutter, noch vor der Geburt.

Wir haben uns für Emil entschieden, sagt Maria Allers, aber gegen sein Leben.

An einem Freitag kurz vor Weihnachten sagte die Frauenärztin Felix’ Eltern, dass im Kopf ihres Sohnes etwas nicht so sei, wie es sein sollte. Helen Barth war in der 32. Woche. An diesem einen Tag suchte sie so viele Ärzte auf wie in ihrer ganzen Schwangerschaft nicht: erst ein Krankenhaus, dann den Pränatalarzt, der sofort Spezialisten in Bonn kontaktierte. Felix litt an einer sehr seltenen Erkrankung, einer artio-venösen Malformation mit sekundärer Kardiomegalie – ein riesiges Gefäßknäuel im Kopf, welches das Herz überlastet bis hin zum Versagen. Hinter dem komplizierten Namen verbarg sich eine Gewissheit: Felix würde sterben, vermutlich Minuten nach der Geburt.

In den ersten Tagen nach der Diagnose, sagt Helen Barth, wollte sie ihren Bauch loswerden. Bloß nicht mit diesem kranken Kind zusammensein, ununterbrochen. Es war Wochenende, ihr Mann konnte sich zurückziehen, sie aber hatte dieses kranke Kind in sich, das strampelte, wie immer. Aber von diesem Freitag an fühlte es sich anders an. Wie eine Bedrohung.

Ihr Mann schreinerte den Sarg für ihr Kind, rund wie ein schwangerer Bauch

Zwei Tage dauerte ihr Kampf, sie sah ihren Mann leiden und entwickelte eine ungeheure Kraft. Sie und ihr Mann wollten Felix. Ihr Pränatalarzt schickte sie zu der Beratungsstelle Donum Vitae. Die Zeit der Vorbereitungen begann.

Drei Tage vor Weihnachten schrieb Helen Barth eine E-Mail, in die Adresszeilen trug sie die Namen ihrer Freunde und Bekannten ein. Betreff: zur info.