Er sei schon mit Bügelfalten auf die Welt gekommen, spottete sein kleinerer großer Freund. Tatsächlich war er stets elegant und "bis zum Hals" angezogen; noch in der größten Hitze trug er makellos gebügelte Hemden unter dem Arbeitskittel. Schon als Kind war er bei den besten Schneidern eingekleidet worden. Als er in den Krieg zog – der untauglich Ausgemusterte meldete sich freiwillig zum Sanitätsdienst –, ließ er sich von einem berühmten Modeschöpfer eine Fantasieuniform anfertigen. "Aus bürgerlicher Familie stammend bin ich ein bürgerliches Ungeheuer", schrieb er und versuchte, sich mit allen Mitteln aus deren Konventionen zu lösen.

Sein Vater hatte Selbstmord begangen, als er neun Jahre alt war. Der verhätschelte Nachkömmling einer noch jungen Mutter verweigerte sich allen Bildungsinstituten, schwänzte die Schule, mietete sich heimlich eine "Junggesellenwohnung", fiel durchs Abitur, riss mit siebzehn Jahren aus und trieb sich in einer fernen Hafenstadt herum, bis er von Polizisten nach Hause eskortiert wurde.

Schon als Schüler schlich er sich heimlich ins Theater und suchte Kontakt zu Theaterleuten. Er beeindruckte einen bekannten Schauspieler, der bei einer literarischen Matinee Gedichte von ihm rezitieren ließ. Schlagartig war er berühmt; bald sah man den schmalen, wie ein Mädchen geschminkten jungen Mann im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens auf Bällen, in Nachtlokalen, im Zirkus. Wie eine Offenbarung traf ihn eine skandalträchtige Aufführung: Er beschloss, sein Platz sei nicht im Saal, sondern auf und hinter der Bühne. Er näherte sich einem Impresario, der aber wimmelte ihn ab mit den Worten: "Setzen Sie mich in Erstaunen." Dies gelang ihm mit einem Projekt, später für ihn der "erste Versuch eines Dichters, sich ohne Worte auszudrücken". Für dieses Gesamtkunstwerk gewann er berühmte Künstler, in der Zusammenarbeit mit ihnen wandelte sich sein Kunstverständnis. Mit der Revolte der Kunst gegen einen engen Wirklichkeitsbegriff konnte sich der rebellische Ästhet nur zu gut identifizieren. Fortan erklärte er alles, was er in seinem bunt schillernden Künstlerleben begann, zu Poesie; sie wurde ihm Heilmittel gegen sein Leiden an der Welt und an sich selbst. Aber er blieb Außenseiter, von manchen verachtet als "falscher Bruder, Gaukler des Zweideutigen". Anerkennung erlebte er erst im Alter für seine eigenwilligen Experimente in einem modernen Medium: "Nichts ist schöner, als ein Gedicht mit Menschen zu schreiben." Der Außenseiter wurde zur festen Größe im Kulturbetrieb.

Noch einmal ließ er sich eine elegante Uniform schneidern: Vorschriftsgemäß verkleidet samt Dreispitz und Degen, erschien er, um eine Ehrung entgegenzunehmen.

Der Liebhaber des Schönen wurde schließlich dessen Opfer: Für eine Schönheitsoperation setzte er ein Herzmedikament ab, wenig später hörte sein Herz auf zu schlagen. Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 39:
Emmy Ball-Hennings (1885–1948) stammte aus Flensburg, tingelte mit einer Wander-bühne durch Schleswig-Holstein und landete dann in München, wo sie ihren späteren Mann Hugo Ball kennenlernte. Das Paar floh vor der wachsenden Kriegsbegeisterung nach Zürich, gründete dort 1916 mit anderen Künstlern das "Cabaret Voltaire", die Geburtsstätte des Dadaismus, zog später ins Tessin, wo Hugo Ball 1927 starb. Die Freundschaft zu Hermann Hesse war für beide oft ein Rettungsanker in finanzieller Not