Wie weit noch bis Tokyo? Ich hatte nicht schlafen können auf diesem Flug und fürchtete, es würde so bleiben. Ein pappiges Sandwich aus Wartezeit würde Tokyo sein. Ein Zwischenstopp. Eine Nacht, zwischen zwei angefressene Tage gepackt, heute und morgen, dann der Weiterflug. Ich versuchte mich auf den Bildschirm im Rücken des Vordersitzes zu konzentrieren, auf die Landkarte dort, sie zeigte die halbe Welt und uns, einen gegen Morgen kriechenden Punkt. Auf einmal, während der Airbus am Rande der eurasischen Nacht und des Weißen Meeres dahinflog, fiel mir eine lange vergessene Begebenheit wieder ein. Sie hatte sich in der anderen Hemisphäre zugetragen, bei einer Amerikareise in den frühen Achtzigern, in einem Hotel in New Hampshire.

An mich war die ungewöhnliche Bitte gerichtet worden, mein Zimmer mit einem Gast zu teilen, a gentleman from Tokyo, nur für zwei, drei Nächte, ein bedauerlicher Engpass, man werde ein zweites Bett hineinstellen, we’re so sorry. Ob das stimmte oder ob der Hoteldirektor ein Kriegsveteran war, der sich einen grimmigen Spaß daraus machte, die ehemaligen Achsenmächte für einige Nächte in ein nicht sehr großes Zimmer zusammenzusperren, darüber dachte ich damals nicht lange nach. Der junge Deutsche im Ausland, entschlossen, sich strikt höflich zu zeigen, komme, was wolle, willigte sofort ein. Allerdings ging ich spät zu Bett an jenem Abend, ohne noch Licht zu machen.

Der neue Tag in New Hampshire begann, kaum dass es dämmerte, mit einem halblauten, scharfen Geräusch. Ich öffnete ein Auge: Der Herr aus Tokyo war aus seiner Schlafposition hochgeschnellt und hatte dabei die Leinendecke zur Seite geschlagen. Kerzengerade saß er im Bett, Beine und Rumpf bildeten einen rechten Winkel. Er tat das, um die Verbeugung ausführen zu können. Hellwach entbot er mir ein heftiges "Good morning!", unter den Verneigungen, die in seinem Lande üblich sind. In ihrer Exaktheit wirkten sie wie Frühgymnastik, eine Minute dauerte dieses höfliche Turnen, dann sprang er auf. Nun allerdings war der Spaß vorbei und ich tief beschämt. Der Herr aus Tokyo machte mir ein Geschenk. Einen Apfel. Verdattert nahm ich ihn an, dankte ungelenk, und am Morgen darauf war es wieder so, er beschenkte mich, und am dritten Morgen wieder. Nach dem Apfel war die zweite Morgengabe ein Päckchen japanischer Zigaretten und die dritte ein Heftchen über Zen in englischer Sprache. Ich fühlte mich wie ein Grobian – der herzensdumme Parzival, nicht wissend, was sich gehört. Was denn? Gegenzigaretten, die halbe, zerquetschte Packung, die ich noch besaß? Selbst gesammelte Tannenzapfen? Ich hatte nichts dabei, womit ich seine Geschenke hätte erwidern können, und wusste auch nichts zu beschaffen, das Hotel lag einsam in den Wäldern von New Hampshire.

Schließlich verschwand mein erster Japaner aus meinem Hotelzimmer und aus meinem Leben, aber nicht aus mir. Er hat mein Bild von seinem Land geprägt. Sollte der Hoteldirektor wirklich vorgehabt haben, die Achse durch unerträgliche Nähe zu bestrafen, so hatte er das Gegenteil erreicht.

Später verstand ich, was mir begegnet war. Es war Sommer gewesen, in Japan die Saison der Geschenke. Diese Information nährte mein Staunen noch. Ein Land, das eine Zeit der Gaben kannte. Und nicht etwa einen Bescherungsabend, an dem die Gewöhnlichkeit des Lebens für zwei Stunden aussetzt, um gleich danach wieder umso heftiger anzuspringen, nein, eine ganze Jahreszeit. Leicht hätte mein Zimmergenosse diese japanische Sitte auf seiner Reise übergehen können, hier in Amerika war sie unbekannt, es wäre niemandem aufgefallen. Er dachte nicht daran. Wen er auch träfe, und sei es einen Fremden am Morgen im Bett gegenüber – er hatte Gaben in seinem großen Koffer. Leichte Gaben, leicht wie Tuschbilder. Legte man sie nebeneinander, wurde daraus eine Bildersprache: Apple. Smoke. Zen. Einen Apfel essen. Den Rauch einer Zigarette in die Luft blasen, und seine Gestalt betrachten. Sich üben. Alles war so einfach, so folgerichtig, so schön – so komisch auch. Denn natürlich konnte man die drei Dinge ebenso wörtlich lesen: Apple smoke Zen. Apfel rauchen Zen. Und las man es rückwärts, wurde daraus: Zen rauchen Apfel. So also war Japan. Einfach schön komisch.

Während wir vom Himmel fielen und durch Wolkengebirge glitten und ruckelten, sagte eine Stimme, wir hätten nun unsere Reiseflughöhe bereits verlassen, aber Tokyo tauchte und tauchte nicht auf. Erst Sekunden vor dem Aufsetzen auf der Landebahn sah ich etwas durch mein Bullauge. Flugzeuge, angedockt an ihre Positionen an Terminal eins. Die Zeichen auf dem nassen Asphalt. Spezialfahrzeuge, wie von Kindern gebaut, seltsame Figuren fahrend. Männer mit roten und gelben Helmen, nicht minder seltsame Signale winkend. Narita im Regen. Willkommen in Tokyo, sagte die Stimme.