"Pragmatisch bis zum Opportunismus, unideologisch, global und etwas naiv im Glauben an eine bessere Welt": Rudolf Novotnys Beschreibung der "jungen Internationalisten" (ZEIT Nr. 39/08) mag zutreffen. Die Behauptung, Entwicklungshilfe mit der Initiative Weltwärts sei für die heutige Jugend nur eine erste Stufe auf der Karriereleiter, stimmt jedoch bei genauerem Hinsehen nicht.

Entwicklungshilfe ist naiv, wenn sie nur in Entwicklungsländern geschieht. Die Gesellschaft hier wie dort braucht die jungen Menschen mit Erfahrung in der Entwicklungshilfe – egal, wohin sie auf ihrer Karriereleiter klettern: in Unternehmen, Schulen, Parlamenten und Banken.

Denn die Erfahrungen, die junge Menschen mit armen, kranken, unterdrückten oder ausgegrenzten Menschen machen, bleiben. Sie prägen auch weiterhin das Denken und Handeln der künftigen Manager, Lehrer, Politiker und Börsenmakler. Sie können die Gesellschaft dahin bewegen, dass auch im alltäglichen Handeln über die Folgen für die Menschen in Entwicklungsländern nachgedacht wird. Sie sind diejenigen, die verstehen können, wie Entwicklungshilfe aussehen muss, damit sie wirklich etwas bewegt.

Weltwärts muss daher als Umdenken der Jugend begriffen werden, die bemerkt, dass das Zukunftskapital ihrer Welt an Aktienmärkten verspielt wird; die den Krieg nur aus Geschichtsbüchern kennt, Bilder von Armut und Aufständen von anderen Orten der Welt aber täglich auf dem Bildschirm zu sehen bekommt. Eine Jugend, die ganz pragmatisch die Initiative ergreift, um etwas zu bewegen.

Vielleicht zieht manch einer allzu naiv als Weltretter in ein Entwicklungsland. Doch selbst diesen vermeintlichen Weltrettern zeigt die Erfahrung der täglichen Arbeit schnell die Probleme auf, die Entwicklungshilfe mit sich bringt. Aus diesen Problemen lernen nicht nur die Hilfsprojekte, sondern auch die "Internationalisten" für die Zukunft – ganz unbelastet von ideologischen Vorurteilen und krampfhaftem Weltverbesserertum. Und pragmatisch bis zum Opportunismus, für die Karriere und für die Menschen.

Moritz Binz, 22, studiert Spanisch und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin

Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein "Widerspruch" gegen einen Artikel aus dem politischen Ressort der ZEIT, verfasst von einem Redakteur, einem Politiker – oder einem ZEIT-Leser. Wer widersprechen will, schickt seine Replik (maximal 2000 Zeichen) an widerspruch@zeit.de. Die Redaktion behält sich Auswahl und Kürzungen vor