Das eiserne Gesetz der Kapitalismuskritik besagt: Je weniger einer von diesem System versteht, desto lustvoller geißelt er es. Umgekehrt gilt: Je höher die Kenntnis, desto geringer die Lust, die Marktwirtschaft zu preisen. Welcher Ökonom und Banker hat in diesen Tagen den schrecklichen Vereinfachern widersprochen?

Kleinmut vor dem Feind? Das Problem geht tiefer. Die dismal science, die "trostlose Wissenschaft" im Englischen, erklärt, was ist; die Ökonomie baut keine Luftschlösser der Erlösung, die erst zerbrechen und dann zum Kerker werden (wie im Realsozialismus). Träume von Gleichheit und Gemeinschaft sprießen nicht aus einer Disziplin, die auf dem Egoismus fußt: mehr für mich, und billiger obendrein.

Und doch hat kein anderes System so viele Segnungen gezeugt wie der "Kapitalismus", der heute längst eine hochregulierte Marktwirtschaft mit etwa hälftigem Staatsanteil ist. Adam Smith und David Ricardo waren die besseren Menschenfreunde als Stalin und Che. Dieses Urteil gilt selbst für den "Manchester-Kapitalismus": Von 1750 bis 1900 haben sich die Reallöhne in England mehr als verdreifacht.

Der fabelhafte Reichtum der modernen Welt lässt sich vom Kapitalismus ebenso wenig trennen wie die Demokratie. Arme Gesellschaften sind selten demokratisch, und reiche sind selten autoritär (Ausnahmen heute: Russland oder Arabien, wo die Bodenschätze Staatseigentum sind). Welche Rechte hatte denn der Knecht im Feudalismus, der Proletarier im Ständestaat? Was war denn demokratisch am Sowjetsystem, wo nicht der Mensch mit dem Rubel, sondern der Kommissar mit der Knute bestimmte, was zu produzieren sei?