Soll man sich nun freuen über die historische Niederlage der CSU? Oder besteht schon Grund zur Sorge um die größte Volkspartei Europas? Waren die 43 Prozent allzu schlimm? Oder die richtige Dosis? Steigen wir zunächst mit der CSU in ihren Keller, etwas tiefer, als sie das möchte. Und dann wieder hoch, vielleicht etwas weiter, als sie es sich bisher schon zutraut.

Die Frage, wie es zu der Niederlage vom Sonntag kommen konnte, ist eigentlich falsch gestellt. Vielmehr müsste man fragen: Warum erst jetzt? In Wahrheit hat der Abstieg der CSU schon vor 18 Jahren begonnen. Wenn man so will: am 3. Oktober 1990. Mit der deutschen Einheit und einem zugleich relativ kleiner werdenden Bayern war klar, dass die CSU ihren gewohnt überproportionalen Machtanteil an der Bundespolitik einbüßen würde. (Was ihr damals übrigens durchaus bewusst war.) In der Demokratie gilt eben auf Dauer: ein Mensch, eine Stimme. Nicht: ein Bayer, zwei Stimmen. Diese Normalisierung im Bund musste irgendwann dazu führen, dass die CSU ihren Nimbus auch daheim in Bayern verlieren würde.

Fast zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis die nüchterne Berliner Republik den Bayern-Barock abgeschliffen hat. Warum so lange? Am wirtschaftlichen Erfolg allein kann es nicht gelegen haben, denn den hat auch das bundespolitisch notorisch einflussarme Baden-Württemberg. Es war vor allem eine politische Tradition, eine in den Genen der alten Bundesrepublik sitzende Gewohnheit, die der CSU so viel Raum ließ. Hinzu kam Ende der neunziger Jahre die tiefe Krise der Schwesterpartei CDU, die 2002 in eine Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers mündete und seine Partei vorübergehend als das Rollenmodell alles Konservativen erscheinen ließ.

Der bayerische Rabatz-Rabatt rechnet sich nicht mehr

Mit dem schwarzen CSU-Sonntag ist auch diese – oft liebenswerte – Besonderheit der alten Bundesrepublik passé. Bonn ist nicht mehr Hauptstadt, Berlin nicht mehr geteilt, im Presseclub wird nicht mehr geraucht, der Suhrkamp Verlag wird religiös, und die CSU hat 43 Prozent. Ein Grund zur Freude? Ein wenig: Der Versuch einer zunehmend überdehnten und überdrehten CSU, ihren Niedergang zu stoppen, hat die Bundespolitik – auch die CDU – immer mehr gekostet. Edmund Stoibers atemberaubendes Theater bei den Koalitionsverhandlungen 2005, mit dem er sich zuerst ein Superministerium auf den Leib schneidern wollte, um dann doch nach Bayern zu fliehen, schadet der Union bis heute.

Zum Beispiel weil dadurch der anderweitig, aber eben nicht ökonomisch begabte Michael Glos zum Minister für Wirtschaft aufrücken musste – mit der Folge, dass die Union kein wirtschaftspolitisches Profil mehr hat und vermutlich die meisten Deutschen denken, der Wirtschaftsminister heiße Peer Steinbrück.

Und der fehlende Reformeifer? Auch er geht nicht zuletzt auf die CSU zurück. Bis heute wirkt der Streit um die Gesundheitsreform nach, der auch von der CSU forciert wurde. Diese Megareform wurde in den Augen der Bürger zu einem politischen Monstrum und hat den Reformkredit der Kanzlerin gleich zu Beginn der Großen Koalition weithin aufgebraucht. Insofern mag die Kritik an Angela Merkel, sie lasse Reformeifer vermissen, zwar einige Berechtigung haben, doch von der CSU möchte man das nicht hören. Wenn Merkel der Reformschneid abgekauft wurde, dann war die CSU mit von der Partie.