or dem Geld kommt das Gewühl. Die Börsenhändler reißen die Arme hoch, sie winken mit den Händen, springen in die Luft, drängeln nach vorne, schreien Preise herüber. Die Händler an der Wall Street leben ein kurzatmiges Leben, stets auf der Suche nach dem steigenden Kurs, stets auf dem Sprung von der schlechten Aktie zur guten.

Von wegen. Die Männer, die da wild durcheinanderrennen, handeln nicht mit Aktien, mit Futures oder mit Bonds. Sondern mit indischem Pfeffer und englischer Wolle. Sie tragen keine gelockerten Schlipse, sondern weite, gefältelte Kragen. Zum Frühstück trinken sie keinen Grande Caffè Latte, sondern einen kleinen Süßwein. Ihre Haare sind nicht militärisch kurz, sondern lang gewellt. Sie arbeiten nicht im New York von heute, sondern im Hamburg des 16. Jahrhunderts.

Aber sonst geht es an der Trostbrücke ganz ähnlich zu wie heute an der Wall Street. Es geht um das große Geld, den hohen Gewinn, den schnellen Verlust, den richtigen Riecher.

Man könnte auch sagen: Damals hat das alles angefangen.

Im 16. Jahrhundert stehen an der Wall Street noch Indianerzelte. Im Rest der Welt aber passiert einiges, was heute die Geschichtsbücher füllt. Christoph Kolumbus hat bereits 1492 den amerikanischen Kontinent erreicht, Vasco da Gama kurz danach auf der Route um Afrika das reiche Indien, und Ferdinand Magellans Expedition umsegelt von 1519 bis 1522 die Welt. Den Entdeckern folgen die Eroberer, Konquistadoren wie Hernando Cortés und Francisco Pizarro vernichten mit ihren Soldaten die Hochkulturen Altamerikas. Derweil predigt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation Martin Luther von der Freyheith eines Christenmenschen, und 1543 erscheint in Nürnberg das Hauptwerk des Nikolaus Kopernikus, De Revolutionibus Orbium Coelestium, das ein neues Bild von Himmel und Erde begründen wird. Die Neuzeit beginnt, und mitten in dieser Phase des Übergangs wird 1558, vor 450 Jahren, in Hamburg die erste deutsche Börse gegründet.

Andere Städte außerhalb Deutschlands waren noch früher dran. In Antwerpen in Flandern entstand die erste Börse der Welt im Jahr 1531, es folgten Toulouse (1549) und Rouen (1556) in Frankreich. In den Geschichtsbüchern finden sich diese Daten bestenfalls in Nebensätzen, angehängt an Beschreibungen des Aufstiegs und Falls Spaniens oder der Kunst der Renaissance. Und doch blitzt in den scheinbar unbedeutenden Börsengründungen etwas Neues, nie Dagewesenes auf, das die weitere Geschichte der Menschheit prägen wird: der Kapitalismus. "Welthandel und Weltmarkt", wird Karl Marx 1867 schreiben, "eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals." In Hamburg erwacht das Kapital besonders früh zum Leben. Dort wird besonders deutlich, wie sehr die Welt sich in der frühen Neuzeit verändert.

Natürlich nicht die ganze Welt. Eigentlich nur ein kleiner Teil. Die Bauern draußen auf dem Land arbeiten noch immer wie die Sklaven und sterben früh. Auch in der Stadt, in Hamburg, leben die meisten Menschen das gleiche Leben wie ihre Vorväter. Morgens leeren sie ihre Nachttöpfe auf die Straße hinaus und löffeln einen dicken Getreidebrei, dann machen sie sich an die Arbeit. Sie schmieden Messer, flicken Kessel oder verweben Wolle, und zwar auf genau die gleiche Weise, wie sie schon immer Messer geschmiedet, Kessel geflickt oder Wolle verwoben haben. Denn: "Kein Handwerksmann soll etwas Neues erdenken oder erfinden oder gebrauchen", heißt es noch 1523 in einer Zunfturkunde.