Der Geruch war am schlimmsten – es müffelte irgendwie abgestanden, nach Alkohol und altem Fleisch. "Das war schlimmer, als die Leiche zu sehen", beschreibt Claudia Schesszük ihren ersten Eindruck vom "Präpkurs". Für viele Medizinstudenten ist der Präparierkurs anfangs hart: der Geruch des Formalins, in dem die Leichen konserviert werden, die Kälte, die Konfrontation mit dem Tod. Claudia hat gerade das dritte Semester in Heidelberg begonnen, und inzwischen macht ihr all das nichts mehr aus. Das medizinische Interesse trete in den Vordergrund, sagt sie. Das hat sie schon seit ihrer Kindheit. Aber neben der Begeisterung für Naturwissenschaften braucht es auch Idealismus, um Arzt zu werden, findet die 20-Jährige: "Man muss helfen wollen."

Wer das will, der braucht erst einmal gute Noten: Der Numerus clausus ist hoch und immer noch das Nadelöhr für die vielen Bewerber – etwa vier kommen auf einen Studienplatz. Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) verteilt nach Abi-Note und Wartezeit. Darüber hinaus können die Hochschulen bis zu 60 Prozent ihrer Bewerber selbst auswählen, aber nicht alle nutzen diese Möglichkeit, und auch in den Bewerbungsverfahren wird sehr auf die Noten geschaut. "Pro forma vergibt die ZVS nicht mehr alle Studienplätze, aber die Abi-Note wiegt immer noch viel", sagt Katharina Kulike von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (BVMD).

Gute Ärzte brauchen mehr als nur gute Noten

Viele Schulabgänger, die in ihrer Abi-Note nur eine Zwei vor dem Komma stehen haben, flüchten deshalb zum Medizinstudium ins Ausland. Nach Ungarn an die Semmelweis-Universität in Budapest zu Beispiel, nach Pécs oder Szeged. Das Studium an den Privat-Unis schlägt zwar mit 5600 Euro pro Semester zu Buche, aber man kann dort ohne NC auf Deutsch studieren. Eine Zweigstelle der Semmelweis-Universität gibt es seit Kurzem auch in Hamburg, wo die Budapester Studenten ihr Studium nach der Vorklinik fortsetzen können. Auch in Österreich werden viele deutsche Mediziner ausgebildet – so viele, dass man jetzt versucht, die Bewerberflut mit Quotenregelung und Eignungsprüfungen in geordnete Bahnen zu lenken. Nachteile muss ein Absolvent mit einem Zeugnis aus Österreich oder Ungarn nicht befürchten: Die Ausbildungsstandards sind dieselben, das Pensum hoch.

Weil sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Einsen im Zeugnis wenig über die Fähigkeiten als Arzt aussagen, werden neue Auswahlverfahren entwickelt. "Allein die Abi-Note ist als Kriterium für den späteren Berufserfolg zu wenig – um die idealen Anwärter herauszufiltern, braucht es auch Indikatoren wie emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz", sagt Jan Schulze, Präsident der Ärztekammer Sachsens. An der TU Dresden werden die Bewerber zusätzlich zu Auswahlgesprächen eingeladen und auf Motivation, Belastbarkeit und Zielstrebigkeit geprüft. "Nur wenige medizinische Fakultäten leisten sich ein solches Auswahlverfahren mit strukturierten Interviews, das ist personell sehr aufwendig", sagt Studiendekanin Thea Koch.

Die neuen Bewerbungsverfahren sind Teil eines Reformpakets, mit dem das Medizinstudium in Deutschland in den vergangenen Jahren umgestaltet wurde. Seitdem wird praxisnäher studiert. Mehrere Hochschulen haben außerdem Modell- oder Reformstudiengänge eingerichtet, in denen Theorie und Praxis besser verzahnt werden sollen. Traditionell wird fächerzentriert gelernt, in Reformstudiengängen dagegen organzentriert oder orientiert an einem bestimmten Krankheitsbild – den Studenten wird dann etwa von anatomischer, biochemischer und physiologischer Warte aus das Herz erklärt.

Das moderne Curriculum an der TU Dresden war einer der Gründe, warum sich Tobias Kroggel für ein Medizinstudium in Sachsen entschieden hat. Mit seinem Abi-Schnitt von 1,0 hätte der heute 22-Jährige freie Auswahl gehabt, gab aber den vielen Praxisbezügen und dem Verzicht auf Frontalunterricht den Vorzug. Nach dem Physikum geht es jetzt für ihn mit DIPOL, dem Dresdner Integrativen Problem-/Praxis-/Patienten-Orientierten Lernen, weiter. Das bedeutet Unterricht mit Dozenten aus verschiedenen Fachbereichen in Modulen wie "Patient und Arzt" oder "Haut – Muskel – Gelenke". Es gibt Simulatoren, die reanimiert werden können und auf verabreichte Medikamente spezifisch reagieren, und im Skills-Training lernen die Studenten Handwerkszeug wie Infusionenlegen, bevor sie die Venen von Patienten traktieren. "Je höher der Praxisanteil, desto zufriedener sind die Studenten mit ihrer Ausbildung", sagt Studiendekanin Koch.