Die Entscheidung könnte den deutschen Strommarkt stärker verändern als viele politische Debatten über Atom-, Kohle- oder Sonnenenergie, auch wenn sie auf den ersten Blick unspektakulär erscheint. Deutschlands Energiekonzerne wollen eine Netzgesellschaft gründen. Mit Hilfe eines Moderators und mit dem Segen des zuständigen Ministeriums. Die Gesellschaft soll künftig die Stromnetze betreiben, sie pflegen und ausbauen und so letztlich dafür sorgen, dass in Deutschland das Licht nicht ausgeht. Die Verbraucher könnten von diesem Schritt weit mehr profitieren, als die meisten heute ahnen.

Denn richtig konzipiert, wird die Netzgesellschaft Deutschland nicht nur helfen, Energie zu sparen. Sie kann auch den Wettbewerb fördern und damit möglicherweise die Preise senken. Und sie kann den ökologischen Umbau befördern.

Um die Wirkung einer solchen Gesellschaft – und den politischen Streit darum – besser zu verstehen, muss man die Vergangenheit bemühen. Vor mehr als einem Jahrzehnt waren die meisten Verbraucher noch damit zufrieden, dass der Strom aus der Steckdose kommt, und kümmerten sich (mit Ausnahme der Mitglieder der Anti-AKW-Bewegung) wenig um dessen Ursprung und die Produzenten. Damals befand die EU-Kommission in Brüssel: Energie ist in Europa zu teuer, und das liegt auch an den vielen Monopolisten. Also muss mehr Wettbewerb her.

Die Behörde legte los. Nach vielem Hin und Her und enormem Widerstand der Bundesregierung wurde in Deutschland der Energiemarkt schließlich ein bisschen liberalisiert und dann ziemlich schnell unter den vier großen Anbietern (E.on, RWE, Vattenfall, EnBW) und einigen kleineren aufgeteilt. Versäumt wurde bei dieser schlampigen Liberalisierung so einiges. Der schlimmste Fehler aber war, den regionalen Anbietern die Hoheit über die Stromnetze zu lassen. Also konnten RWE und Co in ihren Gebieten fürderhin fröhlich schalten und walten – und sich unliebsame Konkurrenz vom Halse halten. Im Zweifel knöpften sie ihnen für die Durchleitung des Stroms durch ihre Netze einfach hohe Entgelte ab.

Ein Jahrzehnt später und um die Ergebnisse einiger wissenschaftlicher Studien klüger, nahm die EU-Kommission im vergangenen Jahr den Kampf gegen die Monopolisten wieder auf. Diesmal wollte sie an die Netze und erntete in Deutschland wieder jede Menge Protest der betroffenen Industrie. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel machte sich die Position der deutschen Energieriesen zu eigen und zog gegen Brüssel und die drohende Enteignung zu Felde. Die deutsche Stromwirtschaft, so das Argument, könne sich aus ökonomischen Gründen nicht von ihren Netzen trennen. Blamabel wurde das indes, als dann die Energiefirmen einknickten, allen voran E.on. Um hohe Strafzahlungen der EU-Wettbewerbsaufsicht wegen des Missbrauchs der Marktmacht (also des Schröpfens der Verbraucher) zu vermeiden, gab der Energiekonzern klein bei und ließ sich auf ein Geschäft ein: E.on werde sein Netz veräußern, ließ Wulf Bernotat wissen. Der E.on-Chef widerlegte damit ganz nebenbei auch die Argumente seiner Branche gegen die Netzabtrennung. Denn mitnichten brachen nach seiner Ankündigung die Aktienkurse ein. Die Bundesregierung – allen voraus die Kanzlerin – stand mit ihrer Schützenhilfe ziemlich dumm da.

Dass nun allerdings auch andere Energieriesen beidrehen, hat ökonomische und strategische Gründe. Die ökonomischen: Der Betrieb von Stromnetzen wird in Deutschland künftig, anders als in der Vergangenheit, keine enormen Gewinne mehr abwerfen. Inzwischen reguliert die Bundesnetzagentur (auch die wurde letztlich auf Drängen der Brüsseler EU-Kommission eingerichtet) die Durchleitungsgebühren auf ein erträgliches Maß. Und das lässt den Besitzern nur eine gewisse Rendite und nicht die gewohnten Riesengewinne.

Wichtiger noch sind indes die strategischen Gründe: Was sich nicht verhindern lässt, sollte man so früh wie möglich mitgestalten. Längst wissen die Chefs der Energieriesen, dass die Trennung von Netz und Erzeugung immer wahrscheinlicher wird. Also versuchen sie jetzt, möglichst viel Einfluss auf eine mögliche Netzgesellschaft zu erhalten. Und das klappt am besten, wenn sie früh genug bei der Gestaltung mitwirken.