Wenn man in früheren Jahren Edmund Stoiber danach fragte, wie es der CSU gelungen sei, den Wechsel als Prinzip der Demokratie in Bayern quasi abzuschaffen, antwortete er gern mit einem lateinischen Zitat: "Ecclesia semper reformanda" – die Kirche muss sich andauern erneuern. Nach dieser Maxime habe sich seit je auch seine Partei verhalten. Das sei der Schlüssel ihres Erfolgs. Für das Selbstbild der CSU – vor diesem 28. September 2008 – war es durchaus bezeichnend, dass der Ministerpräsident seine Partei so selbstverständlich wie beiläufig mit der Kirche verglich. Überheblichkeit, die sich als solche nicht mehr erkennt, war der CSU über die Jahre hinweg zur zweiten Natur geworden.

Trotzdem steckte in Stoibers Bemerkung wirklich das Erfolgsprinzip eines klugen Konservatismus. Der will dem Impuls des Bewahrens nicht durch starres Festhalten am Altbewährten nachkommen, sondern sich selbst als Gestalter der unausweichlichen Veränderung betätigen. Das galt für die CSU nach innen wie nach außen. Die rücksichtslose Erneuerung der skandalgeschüttelten Partei durch Stoiber Anfang der Neunziger war ein Beispiel für ihre innere Reformfähigkeit. Nach außen war es der lange Prozess der Modernisierung Bayerns, deren Erfolg die unangefochtene Stellung der CSU sicherte. Seit Strauß marschierte sie "an der Spitze des Fortschritts". Im Namen der CSU sollte der Gegensatz von Modernität und Tradition überwunden werden. Bayern, das Agrarland, das es bis an die wissenschaftlich-technische und ökonomische Spitze der Bundesrepublik schaffte, lieferte den stärksten Erfolgsbeweis. Die CSU mit Strauß, später Stoiber, war wirklich der politische Motor dieser Modernisierung. Deshalb fiel es der Partei im Laufe der Jahre auch immer schwerer, zwischen sich und dem Land zu unterscheiden. "Bayern, Sonne, CSU" stand noch im Sommer verzweifelt locker auf den Wahlplakaten. In der Symbiose zwischen Land und Partei steckte auch der Anspruch, dass nichts diese schöne und exklusive Verbindung auseinanderreißen dürfe. Nicht einmal die Demokratie.

Immerhin, die CSU war in all den Jahren, was man einen "guten Herrscher" nennt. Alle sollten vom Fortschritt profitieren. Wenn es so etwas gab, dann war die CSU eine "Partei der kleinen Leute", ohne bürgerlichen Dünkel, eine Art volkstümlich-derbe Sozialdemokratie. Immer wusste sie, dass die materielle Basis ihres Regimes der soziale Ausgleich war, dass nur dann, wenn auch die "kleinen Leute" sich verstanden fühlten, die Alleinregierung Aussicht auf Dauer hatte. Nur so sind die erbitterten Kämpfe zu verstehen, die die CSU vor 2005 mit ihrer Schwesterpartei um die soziale Verankerung der Merkelschen Reformpolitik ausfocht.

Bierzelt-Rhetorik war der CSU immer eine Form der Herrschaftssicherung

Auch in ideologischer Hinsicht hat die CSU es verstanden, ihre Dominanz zu bewahren. Streng nach der Straußschen Anweisung, rechts von der Union dürfe sich keine demokratisch legitimierte Konkurrenz etablieren, hat die CSU einen Teil des rechten Diskurses seit je selbst bestritten. Keine andere demokratische Partei in Deutschland traut sich, mit den Themen Kriminalität, Einwanderung oder Islam so unverfroren Stimmung zu machen wie die CSU. Der politische Aschermittwoch in Passau lebt alljährlich von rechtspopulistischer Stimmungsmache. Um rechts nichts groß werden zu lassen, spielt die CSU selbst hart am rechten Rand. Und sie genießt es.

Der Rest der Republik hat sich daran gewöhnt, nicht sehr genau hinzuhören und solche wüsten Veranstaltungen als bayerische Politfolklore zu verbuchen. Diese Rezeption – "Alles halb so wild" – ist nur das Spiegelbild des augenzwinkernden Politikstils, den die CSU seit je pflegt. Um zu erklären, wie die harsche politische Rhetorik zu ihrer doch meist nüchternen und zivilen Politik passt, bemühen CSU-Politiker gern die "liberalitas bavariae". Es geht auch einfacher: Die CSU wusste stets zwischen Propaganda und politischer Praxis, auch zwischen Prinzip und Handeln zu unterscheiden. Die Rhetorik des Bierzelts war in der CSU immer eine eigenständige Form der Herrschaftssicherung, aus der nicht zwangsläufig etwas folgte. Die gleiche Distanz galt zwischen dem hohen Ton und den alltäglichen Niederungen: Die Straußsche Formel, seine Prinzipien so hoch zu halten, dass man spielend darunter hindurchkäme, ist prägend für die CSU geworden.

Doch auch in der CSU schaffte es nicht jeder, durch pure Unverschämtheit zu überleben. Der durch die Amigo-Affäre angeschlagene Strauß-Nachfolger Max Streibl beispielsweise kippte, als er sich mit dem Gruß "Saludos, amigos" demonstrativ als Teil der bayerischen Spezl-Wirtschaft zu erkennen gab. Streibls Platz erkämpfte sich Stoiber gegen Waigel, alles andere als sauber. Geschadet hat es dem Sieger nicht. Das Recht des Stärkeren hat in der CSU noch keiner infrage gestellt. Die CSU – so lautete die Formel bis zum vergangenen Sonntag – ist die "erfolgreichste Volkspartei Europas". Nur Europas?, so wurde manchmal ironisch gefragt.